Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

20. 09. 2003 15:59
Hallo Kobold,
ist ein sehr heikeles Thema, von Steuerbarkeit der Krankheit zu sprechen. Habe meine Zweifel, ob mein nachfolgender viel zu langer Beitrag nicht zu hohe Erwartungshaltungen wecken könnte.

Wenn man eine Steuerbarkeit der Amplitude der MD-Phasen als vollkommen unmöglich betrachtet, dann wird man es auch nie versuchen. Man wird ein zu 100 % von der aktuellen Medikation des Arztes abhängiger Patient bleiben. Ein guter Arzt kann aber auch zum Teil sehr erfolgreich eine Fremdsteuerfunktion übernehmen. Wenn der Arzt dazu immer ausreichend Zeit hätte und auch noch die Fähigkeiten eines guten Freundes und Psychotherapheuten mitbringt, kann das auf Dauer gut klappen. Es existieren ausreichend Beispiele, dass es deutlich besser als z.B. bei völlig uneinsichtigen Patienten klappt. Doch was ist, wenn doch wieder eine akute Phase ausbricht und dieser Arzt dann womöglich im Urlaub ist?

Die völlige Autonomie und eine optimale Selbststeuerung in kürzester Zeit - ja - davon träumen wir. Hätte das schon mehrfach problemlos funktioniert, dann hätte sich das wohl rumgesprochen. Würde es aber völlig unmöglich sein, dann würden wir nicht immer wieder darüber nachdenken. Nach meiner Auffassung ist es ist für einen begrenzten Patientenkreis möglich, sowohl in der Hypomanie, als auch in der (leichten) Depression noch etwas gegenzusteuern. Es handelt sich hierbei um einen von Rückschlägen begleiteten Lernvorgang ? jeder muss selbst entscheiden, ob er dieses hohe Risiko eingehen will.

Zum Gegensteuern in der Hypomanie habe ich hier schon recht viel geschrieben. Meine hierbei verwendeten Denkmodelle sind z.B. die Ladezustände einer Batterie und der "Gefühlsregler". Das Batteriemodell lässt sich gedanklich sehr gut mit dem Display des Handys verknüpfen. Bei jedem Blick auf das Display betrachte ich zuerst den Ladestatus und denke kurz darüber nach, wie es mit meinem eigenen Energiehaushalt (Schlaf, Kommunikationsvolumen, Entspannung) aussieht. Eine ungeladene Batterie in Handy kann ein Zeichen für zuviel Kommunikation oder für Fehler (höhere Vergesslichkeit/Fehlerhäufigkeit ist auch ein Indiz für eine Hypomanie!)

Der "Gefühlsregler" ist etwas komplizierter (entschuldigt bitte, wenn jetzt viele Begriffe aus der Technik verwendet werden). Um die Stimmungslage zu steuern, muss zunächst erst einmal eine "Messung" der Gefühlslage erfolgen. Wenn die eigene Psyche selbst schon zu hochgedreht ist, dann wird diese grobe Schätzung stark fehlerbehaftet sein - doch das Vorzeichen des Fehlers ist bekannt - und die Genauigkeit des Korrekturfaktors kann auf Basis intensiver Selbstbeobachtung schrittweise (phasenweise) verbessert werden. Demnach können vermutlich Rapid Cyceler schneller lernen, da sie deutlich mehr Phasen erleben? Die Bewertung durch die Umwelt sollte auch wieder gefiltert werden ? wie hoch ist die Kompetenz des Bewertenden in der aktuellen Situation ? und dann zur Korrektur der eigenen Schätzung berücksichtigt werden.

Mal angenommen, man würde also einen mit hinreichender Genauigkeit geschätzten Messwert der Gefühlslagen ermitteln können. Dann kann man überlegen, welche Stellgrößen zur Verfügung stehen. In der Manie/Hypomanie sind dies deutlich mehr als in der Depression, was die nachfolgende (eventuell unvollständige) Aufzählung zeigt:

Methoden zum Gegensteuern in der Hypomanie:

- Medikamente
- Arztbesuch / Tagesklinik / Klinik
- Gespräche mit Angehörigen, Selbsthilfgruppe / Freunde
- Stressminimierung
- Kommunikationsreduktion (z.B. max 4 Anrufe und nur max. 2 Beiträge/Tag im Forum?)
- Termine absagen
- durch zusätzlichen Sport die Müdigkeit erhöhen
- Aufzeichnungen aus depressiven Phasen lesen
- aufschreiben, was am Tag zu erledigen ist, Prioritäten vergeben
- Ideen aufschreiben und später bewerten
- Vor dem Einkauf ausrechnen, wieviel es maximal kosten könnte (nicht mehr mitnehmen)
- keine kritischen Entscheidungen treffen
- Streit mit dem Partner meiden, da die eigene Bewertung fehlerhaft ist und eine viel zu schnelle, spontane, distanzlose und emotional gesteuerte Antwort gegeben wird - also immer Zwangspause von mehreren Sekunden einbauen
- immer daran denken, dass die Ratschläge der Angehörigen Versuche sind, zu helfen
- aufhören, sich ständig verteidigen zu wollen

Der Hauptfehler bei einer beginnenden Depression ist unsere ungewollte Bereitschaft, die ersten Anzeichen schon als unumkehrbare Depression zu bewerten, d.h. unsere Erfahrungen mit der letzten Depression verstärken frühzeitig die aktuelle Depression. Wichtig wäre dagegen die Neugier, ob es sich womöglich nur um ein kurzzeitiges (normales) Tagestief handelt. Die Akzeptanz und das Einstellen auf den Zustand "Depression" ist eine heftige Mitkopplung (Verstärker). Sich zu erinnern, was man in der Depression alles nicht kann, ist leider ein in der Evolution entstandener Schutzmechanismus, der uns vor ein zu hohes Risiko schützen sollte. Leider verselbständigt sich dieser Schutzmechanismus. Besser wäre es, mit Neugier herauszufinden, ob man diesmal neue Dinge findet, die man trotzdem noch kann. Habe z.B. erprobt, dass ich trotz leichter Depressionen noch für manche ein interessanter Gesprächspartner bin (telefoniere jetzt auch in der Depression). Um ein interessanter Gesprächspartner zu bleiben, muss man interessantes und neues gelernt/erlebt haben und erleben. Wenn ich jemanden anrufe und nur sage, dass es mir mal wieder beschissen geht, dass ich nichts tauge, nichts kann und dass man daran auch nichts ändern kann, dann aktiviere ich nur (manchmal auch angenehmes) Mitleid. Eine deutlich größere Hilfe ist aber Interesse an Fortsetzung der Kommunikation, d.h. ich merke, dass der andere mir gern zuhört. Dieses Feedback wirkt unmittelbar im Belohnungssystem und dreht die Stimmung sofort hoch. Auch sehr wirksam kann ein mir gezeigtes Lächeln sein. Warum soll mir eine Person ein Lächeln zeigen, wenn ich diese Person tief traurig aussehe? Manchmal hilft da ein antrainiertes Lächeln - soetwas ist aber nicht gerade einfach ? und ein gespieltes Lächeln ist leider leicht zu durchschauen.

Die Methoden zum Gegensteuern in der Depression:
- Medikamente (eventuell minimale Dosis ? aber optimistisch bezüglich der Wirkung sein ? Placeboeffekt nutzen)
- Regelmäßig Sport ohne Risiko (man kann beim Tischtennis verlieren, nicht aber bei einem Waldlauf)
- Neugier auf Wissen und auf das noch mögliche Aktivitätslevel
- Einsammeln positiver Erlebnisse ? Wirkung könnte später kommen
- sich über kleine Dinge freuen und für kleinere Erfolge belohnen
- unnötigen Schlaf unbedingt meiden
- auch eine Absicht etwas zu tun, ist nachträglich schon als kleiner Erfolg zu bewerten ? falls es nicht klappt ? dann es trotzdem mindestens noch ein oder zweimal versuchen
- möglichst viel Luft und Licht
- Lesen und Schreiben
- Bei sich wiederholenden Gedanke mit neuen Reizen ablenken (z.B. Musik, Lesen)
- Falls es mit dem Sex nicht so doll klappen sollte, dann andere Praktiken anwenden (z.B. erotische Massage)
- daran glauben, dass es aufwärts geht (ohne es massiv sofort zu fordern)

Dennoch bleiben erhebliche Zweifel, wieviel man und welche der Betroffenen in der Depression selbst etwas tun können. Wer es nicht versucht, kann aber auch nicht erfahren ob er zu den wenigen gehört, bei denen es zur Verbesserung/Linderung beiträgt.

Mir hat auch geholfen, was Zehentbauer in seinem Buch über Melancholie schreibt.

Gruss
W.G.
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

Steuerungsfähigkeit? (Erstbeitrag von 2003!)

kobold 1281 19. 09. 2003 14:21

Re: Steuerungsfähigkeit?

wolf 628 20. 09. 2003 01:41

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

W.G. 3042 20. 09. 2003 15:59

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

kobold 1430 20. 09. 2003 17:17

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

dc 632 21. 09. 2003 04:15

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

W.G. 626 21. 09. 2003 13:18

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dc 496 21. 09. 2003 17:54

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

W.G. 502 21. 09. 2003 18:14

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

dc 564 21. 09. 2003 20:17

Der Grenzbereich zwischen Kreativität und Wahn

W.G. 584 21. 09. 2003 21:27

Re: Der Grenzbereich zwischen Kreativität und Wahn

Nup 491 21. 09. 2003 21:52

Re: Der Grenzbereich zwischen Kreativität und Wahn

W.G. 492 23. 09. 2003 12:57

Re: Der Grenzbereich zwischen Kreativität und Wahn

dc 563 24. 09. 2003 03:53

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

Paperback 899 07. 06. 2010 12:09

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Friday 660 07. 06. 2010 12:34

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Kalli 550 07. 06. 2010 22:11

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

positives-denken 477 09. 06. 2010 01:05

Nochmal @ Tobias

Namenlos 507 09. 06. 2010 01:20

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werner123004 536 09. 06. 2010 01:51

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positives-denken 531 09. 06. 2010 02:11

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tough 439 09. 06. 2010 08:39

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werner123004 490 10. 06. 2010 00:56

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tschitta 521 09. 06. 2010 08:51

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punkt 530 09. 06. 2010 19:50

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tschitta 504 10. 06. 2010 00:06

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punkt 398 10. 06. 2010 00:15

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tschitta 436 10. 06. 2010 00:35

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punkt 509 10. 06. 2010 00:53

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tschitta 435 10. 06. 2010 01:05

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punkt 436 10. 06. 2010 01:21

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tschitta 490 10. 06. 2010 01:30

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punkt 513 10. 06. 2010 01:48

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tschitta 409 10. 06. 2010 08:09

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Claire F 592 10. 06. 2010 10:49

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tschitta 467 10. 06. 2010 16:50

An Claire F.

positives-denken 522 10. 06. 2010 22:08

Re: An Claire F.

tschitta 387 11. 06. 2010 21:44

Re:Knobloch

psycho9 604 11. 06. 2010 21:47

@tschitta

Kalli 420 10. 06. 2010 11:47

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tschitta 450 10. 06. 2010 16:52

An Punkt

positives-denken 547 10. 06. 2010 00:59

Re: An Punkt @ T.

werner123004 426 10. 06. 2010 01:12

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positives-denken 489 10. 06. 2010 01:50

@ punkt

Namenlos 497 10. 06. 2010 02:52

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punkt 526 10. 06. 2010 08:28

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tschitta 502 10. 06. 2010 10:19

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tough 463 10. 06. 2010 10:44

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punkt 451 10. 06. 2010 14:37

punkt

middlesex 457 20. 06. 2010 20:41

Re: punkt

punkt 486 20. 06. 2010 23:05

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

Friday 543 09. 06. 2010 11:12

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

isabellmarie 435 10. 06. 2010 00:27

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

isabellmarie 448 10. 06. 2010 00:48

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

Namenlos 595 10. 06. 2010 02:31

Re: Steuerungsfähigkeit... / Aktualisierung

W.G. 525 15. 12. 2003 22:00

Re: Steuerungsfähigkeit... / Aktualisierung

kobold 449 18. 12. 2003 13:39

Re: Steuerungsfähigkeit... / Aktualisierung

W.G. 428 20. 12. 2003 09:02

Re: Steuerungsfähigkeit... / Achtung: Fehlerhafte Bewertung

W.G. 956 20. 12. 2003 09:17

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

Heike 551 21. 09. 2003 13:22

Für manche kontraproduktiv?

W.G. 553 21. 09. 2003 16:02

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

kobold 429 22. 09. 2003 20:55

Zweifel und Optimismus

W.G. 407 22. 09. 2003 21:34

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

Cheetah 506 22. 12. 2003 23:09

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

dante 394 22. 05. 2004 23:40

@adler Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

georg_bln 517 14. 09. 2006 17:28

Re: @adler Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

Adler 531 14. 09. 2006 18:58

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

ABT2 433 12. 01. 2007 21:19

Re: Steuerungsfähigkeit? (Sehr viel Text)

browny 396 04. 09. 2008 09:25

Re: Steuerungsfähigkeit?

CreativeChaos 567 20. 09. 2003 22:55

Re: Steuerungsfähigkeit?

CreativeChaos 449 21. 09. 2003 17:59

Re: Steuerungsfähigkeit?

CreativeChaos 447 20. 12. 2003 11:35

Re: Steuerungsfähigkeit?

Star 475 23. 05. 2004 01:40

Selbstbeobachtung bzw. "-bemessung"

punkt 450 21. 06. 2010 12:02

@ punkt

Deborah 424 21. 06. 2010 12:32

Re: @ punkt

punkt 471 21. 06. 2010 12:41



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