Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

04. 12. 2018 04:20
Vorbemerkung:

Da dieses Thema sich nur um das dreht, was als „Bipolare Störung“ bzw. „manisch-depressive Erkrankung“ bezeichnet wird, denke ich, dass es im Topic-Forum gut aufgehoben ist. Sollten die Forumsverantwortlichen anderer Meinung sein, werden sie es sicher an den ihnen genehmen Platz verschieben. Danke für die sicherlich weise Entscheidung im Voraus. Was wäre das Forum ohne die Admins!

Zum Thema:

In zunehmender Weise, und das seit Jahren, störe ich mich an zwei Begriffen, die im Zusammenhang mit „uns“ dauernd genannt werden. Nein, ich spreche hier nicht von den Worten „Arschlochcharakter“ oder dem knapperen „Arschloch“. Ich meine die etwas stubenreiner erscheinenden Begriffe

Bipolare Störung und Betroffene/r.

Bipolare Störung...

...ist der „moderne“ Ausdruck für „manisch-depressive Erkrankung“, früher auch als „manisch-depressives Irresein“ bezeichnet. Letzteres wird zum Glück nicht mehr verwendet. Ich nehme an, es wurde in denselben Topf mit dem Aufkleber „politically absolutely uncorrect!“ geworfen, in dem schon Worte wie „Neger“, „Zigeuner“ oder „Mohrenkopf“ versteckt wurden. Sowas sagt man nicht! Nicht mehr, zumindest. Immerhin. Wobei ich mich immer noch schwer damit tue, im Restaurant ein „Sinti- und Romaschnitzel“ zu bestellen oder mit Kindern das Lied „10 kleine Afroamerikanerlein“ zu singen. Aber sei‘s drum.

Vor einigen Jahren wurde der stehende Begriff „Bipolare Störung“, wahlweise auch „Bipolar affektive Störung“ im deutschsprachigen Raum eingeführt. Er leitet sich vom englischen „bipolar disorder“ ab, vielmehr ist der deutsche Begriff die genaue Übersetzung aus dem Englischen. Wie alles, was gut und segensreich ist, stammt die Idee zum „Relaunch“ eines alten und gut eingeführten Begriffes aus den USA. Dort fand man, die neue Bezeichnung sei viel weniger diskriminierend als die alte. Und plötzlich waren ganz viele Menschen nicht mehr manisch-depressiv, sondern „gestört“. Super! Die Idee griff schnell um sich, ganz besonders in den Ländern, die eine historisch begründete Nähe zu den USA haben und pflegen, allen voran Deutschland.

Die Neutaufe hatte seltsame Folgen. Nicht nur mussten viele Fachbücher umgeschrieben und Fachartikel neu aufgesetzt werden, es gelang bisher auch nicht, den neuen Ausdruck in den allgemeinen Sprachgebrauch zu integrieren. Selbst im Eintrag ins Vereinsregister und in der Einleitung der Satzung eines deutschen Vereins, der sich diesem Thema widmet, muss der Begriff „Bipolare Störung“ nach wie vor mit der alten Bezeichnung übersetzt werden, damit auch jeder Leser versteht, worum es geht.

Beispiele aus der Praxis habe ich selbst zur Genüge erlebt.

Ich reise öfter mal größere Strecken mit der Bahn, immer im Speisewagen, weil ich da einen großen Tisch zum Arbeiten und immer genügend Tee habe, um mein Hirn während der langen Fahrt am Laufen zu halten. Und nicht zuletzt auch wegen der Unterhaltungen mit zufälligen Tischbekanntschaften. Nicht nur einmal kam das Gespräch auf das Thema „bipolar“, und fast niemand wusste, was ich meinte, wenn ich nicht auch „manisch-depressiv“ erwähnt und erklärt habe, das sei jetzt das neue Wort dafür.

Besonders im Gedächtnis blieb mir ein praktischer Arzt, der ziemlich blind im Nebel stocherte, als ich ihn testete. Ob es etwas mit dem Herzen zu tun habe? Mit Elektrizität? Mit den Hirnströmen vielleicht? - Wenigstens kam er nicht mit der häufigen Vermutung, es handle sich um ein Wetterphänomen oder habe etwas mit dem Klimawandel zu tun.

Bis jetzt sind das alles mehr oder weniger amüsante Anektdoten. Aber wenn ich den modernen Begriff auf mich selber anwenden soll, wird mir ungemütlich zumute. Bin ich tatsächlich „gestört“? Bezeichne ich mich freiwillig selbst mit einem Wort, das hierzulande auch als Schimpfwort verwendet wird?

„Du bist doch gestört!“ - Wer, bitte, möchte das hören?
„Du bist doch manisch-depressiv!“ wird dagegen kaum je auf einem Schulhof verwendet werden, wenn zum Beispiel der Depp aus der Parallelklasse beleidigt werden soll.

Praktischer Vorschlag:

Wir vergessen den unglücklich gewählten „modernen“ Begriff wieder, warten, bis die sprachlich „modernisierten“ Fachbücher veraltet sind und sowieso neu aufgelegt werden müssen und verwenden einfach das gute alte „manisch-depressiv“ wieder.

Damit kann ich übrigens bestens leben, denn es beschreibt nur, dass ich fähig bin, extreme Gefühlswelten zu erleben. Eine Eigenschaft, die ich, nebenbei gesagt, gar nicht missen möchte. Immerhin hat sie mir schon viele Blüten und Früchte in Form von Musik und Texten beschert, auch nicht wenige meiner zwischenmenschlichen Beziehungen und Freundschaften haben deswegen ihren Anfang genommen.

Noch ein Ärgernis:

Der Begriff „Betroffene/r“ anstelle von „Patient/in“

Was, bitte, soll das denn bedeuten? Ich nehme Worte sehr ernst und genau. Wenn ich höre, jemand sei „betroffen“, so denke ich nie als erstes an eine Erkrankung. Als meine Mutter 2002 recht überraschend starb, war ich betroffen, über Monate. Aber das Gefühl der Betroffenheit verliert sich im Normalfall wieder nach einiger Zeit. So war es auch im Fall des Verlusts meiner Mutter. Das Loch, das sie hinterlässt, wird zwar spürbar bleiben, solange ich lebe, aber wirklich betroffen bin ich nicht mehr deswegen.

Irgendwann, so weiß ich, wird sich auch die Betroffenheit legen darüber, wie ich im Jahr 2018 von einer großen Zahl von Menschen behandelt wurde, von denen ich das niemals so erwartet hätte. Das Erstaunen, ja, das Entsetzen darüber wird mir bleiben, aber betroffen werde ich deswegen nicht auf immer und ewig sein. Das wäre ja auch kaum auszuhalten.

Laut allen Diagnosemanualen und Leitlinien (Leidlinien?) ist die Diagnose „manisch-depressive Erkrankung“ lebenslänglich gültig. Bin ich deshalb auch lebenslänglich betroffen? Wäre „Patient“ nicht viel zutreffender? Was spricht denn gegen dieses Wort?

„Patient“ hat auf Englisch zwei Bedeutungen. „Patient“ = „Patient“ und „patient“ = „geduldig“. Angesichts der oft brechend vollen Wartezimmer halte ich den Begriff „Patient“ für viel passender als „Betroffener“ zu sein. Ich kann natürlich auch betroffen über die lange Wartezeit auf einen 10-Minuten-Termin beim Therapeuten meines Vertrauens sein, aber das ist dann wieder etwas anderes.

Ja, ja, ich weiß schon. Ich war selbst sieben Jahre lang „Betroffenenvertreter“ im Vorstand eines deutschen Vereins, es stand sogar so auf meiner Visitenkarte. Ich habe mich immer unwohl gefühlt damit, aus den oben genannten Gründen. Aber wenn man in einer Organisation mitwirken möchte, muss man sich der Nomenklatura unterwerfen.

Ich kann auch gar nicht zählen, wie oft ich beim Lektorieren und Redigieren von Newsletterbeiträgen oder anderen Artikeln von „außen“ die Worte „bipolare Störung“ durch „Bipolare Störung“ (also in Großbuchstaben) ersetzt habe bzw. ersetzen musste, weil die interne Regelung des Vereins dies so vorsah und ich halt für die Außendarstellung zuständig war. Dass sich maßgebende Fachgesellschaften wie die DGPPN einen Dreck um diese vereinsinterne Regelung scheren, wird schon beim Titel eines sehr dicken Buches deutlich, das irgendwann, so Gott oder Kraepelin es will, in seiner zweiten und aktualisierten Auflage erscheinen soll: „S3 Leitlinie zur Diagnostik und Therapie bipolarer Störungen“ heißt es da, „bipolar“ klein geschrieben. Manchmal, ich gebe es zu, frage ich mich im Nachhinein schon, wieso ich mir dermaßen viel Mühe gegeben habe über so lange Zeit.

Zusammenfassung

Wie ich ausführlich dargelegt habe, halte ich die beiden Begriffe „Betroffene/r“ anstelle von „Patient/in“ und „Bipolare Störung“ statt „manisch-depressive Erkrankung“ für unglücklich, teilweise sogar für kontraproduktiv.

Deal?

Immer, wenn ich von nun an im Forum „Betroffener“ statt „Patient“ und/oder „Bipolare Störung“ statt „manisch-depressive Erkrankung“ oder, besser noch, „manisch-depressive Disposition“ schreibe, werfe ich ein 5-Euro-Stück in die Kaffeekasse der Admins. - Was höre ich da gerade? Solche Münzen gibt es gar nicht? Hm. Weiß ich doch nicht, ich bezahle hier in Schweizer Franken. Tja. Na dann kann ich auch nichts machen. Sorry, Admins! Kaffee also doch weiterhin auf eigene Kosten, tut mir echt leid.

Frage an die Leserinnen und Leser

Sind meine Bedenken nachvollziehbar? Ist die Beschäftigung mit diesen Begriffen nur ein manischer Hirnfurz? Oder fühlen sich noch andere diskriminiert, weil sie sich als „anders als die anderen“, möglicherweise als „erkrankt“, aber nicht grundsätzlich als „gestört“ empfinden?

Ich freue mich auf Antworten jeglicher Art.

Der Ex-***vertreter irgendeines Vereins
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Namenlos 790 04. 12. 2018 04:20

Ich spreche von Krise...

dry 136 04. 12. 2018 07:09

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

zyklothym 156 04. 12. 2018 07:17

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

zyklothym 141 04. 12. 2018 07:35

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

kugelblitz 126 04. 12. 2018 12:56

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

zuma 113 04. 12. 2018 13:46

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Diesel 108 04. 12. 2018 14:23

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

zuma 114 04. 12. 2018 13:25

puff und ein namen braucht jed Ding

hanitas 107 04. 12. 2018 16:28

Re: puff und ein namen braucht jed Ding

soulvision 97 04. 12. 2018 17:49

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Namenlos 121 04. 12. 2018 18:49

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Tagtraum 85 04. 12. 2018 19:20

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Namenlos 81 06. 12. 2018 20:13

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

hanitas 81 05. 12. 2018 19:34

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Diesel 91 04. 12. 2018 19:38

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Namenlos 135 04. 12. 2018 21:15

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Diesel 108 04. 12. 2018 22:15

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Namenlos 135 05. 12. 2018 00:14

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Mania67 82 06. 12. 2018 14:18

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Namenlos 107 06. 12. 2018 19:56

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Mania67 82 07. 12. 2018 06:21

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tschitta 100 06. 12. 2018 23:12

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Namenlos 98 06. 12. 2018 23:40

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Mania67 78 09. 12. 2018 05:40

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tschitta 53 09. 12. 2018 21:29

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

Mania67 55 10. 12. 2018 04:45

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

tschitta 55 10. 12. 2018 10:04

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Mania67 64 10. 12. 2018 18:33

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

FLYHIGH 59 08. 12. 2018 16:49

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

zuma 84 08. 12. 2018 16:58

Re: Sind Begriffe wie „Bipolare Störung“ oder „Betroffene“ eigentlich sinnvoll und zutreffend?

soulvision 76 08. 12. 2018 20:04



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