Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

07. 09. 2020 14:09
Am heutigen Vormittag sah ich durch das Terrassenfenster zu Hause noch die zwei Türkentauben und meine Helden, die Spatzen. Ich war sehr zufrieden...Oh je, ich habe vergessen die Mohrenkopfpapageien zu füttern! Meine Frau wird das aber sicherlich nachholen.

Meine Tochter ist einkaufen, mein Sohn ist bei Freunden. Die Frau ist bei der Arbeit. Ich war mit den Tieren alleine zu Hause, ganz allein....

Der Wind blies in meinen geliebten Kastanienbaum. Es ist so schön wenn man hört, wie der Wind im Baum sich „Gehör verschafft“. Plötzlich sah ich Blaulicht.Das Haus gegenüber wurde abwechselnd blau angestrahlt,Blau-Weiß-Blau....... und jetzt sitze ich hier. Ich blicke aus dem Fenster um mehr Licht zu sehen und um irgendein Tier zu erkennen. Auch in der geschlossenen Psychiatrie kann man u.U. ,einen Blick auf Tiere werfen. Das wäre schön und täte mir gut.

Ich bin ausgetickt, einfach ausgetickt. Es war zu überraschend, ohne Vorwarnzeit, aus dem Nichts. Man kann nichts rückgängig machen. Warum eigentlich nicht? Warum? Es tut weh, sehr weh.
Ich denke an meinen Psychologen. Er hat zu mir mal gesagt:“Halten Sie leidvolle Gefühle und Gedanken nie fest.Lassen Sie diese Gedanken SOFORT ( ! ) los, auch Gedanken an die Vergangenheit oder die Zukunft ! - Eine Herkules - Aufgabe, eigentlich unerfüllbar. Trotzdem versuche ich es.
In meinem Geldbeutel hatte ich eine Liste mit allen Angaben, auch zu meiner Bipolar 1 Erkrankung mit Ultradian Rapid Cycling und allen Medikamenten. Als in der Psychiatrie eine Krankenschwester in meinem Geldbeutel , nach meiner Erlaubnis, die Diagnose las, sagte sie :“Aha, Bipolar 1, Seelenkrebs.“
Ich fühle mich auf der einen Seite wie gelähmt, bleiern. Auf der anderen Seite ist in meinem Kopf die Hölle los. Ich fasste mir ans Handgelenk. Ja, da sind noch meine drei Armbänder. Rot für Manie. Orange für Hypomanie. Schwarz für Depression. Welche Farbe passt jetzt? Es gibt auch noch ein Gummiarmband, welches ich immer benutze, um einen Gefühlsimpuls zu bekommen.
Meine Ammoniakampullen konnte ich nicht mitnehmen.

Hier in der Psychiatrie ist alles sehr unruhig und angespannt. Menschen, die hier hart arbeiten und Menschen, die großes Leid in sich bewegen. Sicherlich keine Wohlfühlatmosphäre, aber wie sollte es anders, so auf die Schnelle, gehen? Die Verursacher dieses „Zustandes in vielen Psychiatrien“ findet man ganz sicherlich nicht vor Ort, sondern eher in den Schaltzentralen der Geldverteilung dieser entsolidarisierten, normopathischen und narzisstischen Gesellschaft.

Ich weiß nicht wohin mit mir. Ich platze gleich. Selbst hier versuche ich zu „funktionieren“, nicht aufzufallen, so weit man dies mit dieser unglaublichen Krankheit kann. Ich will nicht auffallen, keinen Ärger machen, denn sonst kommt es zum Konflikt, den ich mit Sicherheit, haushoch verlieren würde. Ich habe nicht die Deutungshoheit. Menschlichkeit ist kaum mehr ein Kriterium,Der Politologe Niccolò di Machiavelli hat einmal geschrieben, dass es ,auch bei menschlichen Gruppen, letztendlich nur um zwei Dinge geht: Macht und Kontrolle.“
Dieses Zitat sollte also, weitläufig betrachtet, auch für eine geschlossene Psychiatrie gelten?“

Ich habe klare Gedanken und dann werde ich wieder von meinem Schmerz überwältigt, drohe die Kontrolle über mich zu verlieren.

Ich setze mich wieder ans Fenster und blicke nach draußen. Ich starre in die Dunkelheit, wohlwissend nichts mehr erkennen zu können. Trotzdem habe ich den Drang ins Dunkle zu starren. Warum eigentlich?
Ich habe Angst vor der Nacht. So eine Nacht kann zum endlosen Tunnel werden, quälend, schmerzend, verbrennend und zerstörend.
In meinem Zimmer liegen insgesamt sechs Personen. Die Türe ist offen. Das Licht im Gang brennt. Es herrscht ständige Zugluft. Hier soll ich gesund werden?

Ich denke gerade an die Publikation von Günter Wallraff über die Zustände in manchen deutschen Psychiatrien.
Mein Rechtsanwalt ( er hat mir dazu geraten), ist informiert und wird über den weiteren Verlauf meines Aufenthaltes informiert.Mir wurde dazu geraten. Ich habe im Rahmen eines anderen Aufenthaltes traumatische Erlebnisse. Er hat mir erklärt, dass ein Klient vor vier Jahren ein Diktiergerät laufen hat lassen, nachdem er üble Erfahrungen gemacht hat. Das mache ich nicht. Bisher waren alle nett.

Gebt niemals die Menschlichkeit preis.
„Bitte seid Menschen“ (Holocaust-Überlebende)
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 419 07. 09. 2020 14:09

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Milla 81 07. 09. 2020 14:39

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 51 08. 09. 2020 16:56

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Milla 50 08. 09. 2020 17:04

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 68 08. 09. 2020 17:37

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Milla 64 09. 09. 2020 08:18

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

silence.water 87 10. 09. 2020 18:08

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 80 07. 09. 2020 14:53

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Deborah 87 07. 09. 2020 17:09

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Milla 85 07. 09. 2020 19:10

@ Milla

Deborah 82 08. 09. 2020 05:28

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 72 08. 09. 2020 17:06

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

dino 62 11. 09. 2020 17:56

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 71 11. 09. 2020 18:23

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

Frankkk 75 12. 09. 2020 17:05

Re: Ich schaue aus dem Klinikfenster - Teil 4

fluuu2 76 13. 09. 2020 11:28



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