Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

14. 11. 2020 13:22
Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Ich habe mich überwunden, habe den Kragen hochgeschlagen und laufe gegen die Windrichtung und kicke einen Ast vom Feldweg. Brrrr..

Mir geht es stückchenweise besser, auch durch Menschen in diesem Forum. Mein ganzes Leben wird aber immer ein Tanz auf der Rasierklinge sein.

Danken möchte ich meiner Frau, die Unfassbares mit mir durchgemacht hat und dies noch immer tut, wer weiß warum sie dies tue.Unfassbar.

Danke für durchwachte, sorgenvolle Nächte.Für das Wälzen im Bett, weil man keinen inneren Frieden findet und das ständige Blicken auf den Nachtwecker mit seiner grüner Farbe.

Danke für das Ertragen so mancher hypomanischer und manischer Phase. Unfassbar…unfassbar…

Danke für das Ertragen von Ungerechtigkeit.

Danke für die riesigen Sorgen, die ihr mit übernehmt oder meint übernehmen zu müssen.

Der Wind ist enorm heftig.Man kann sich fast dagegen lehnen.
Eine ältere Damen mit einem riesigen Hund kommt mir entgegen. Der gegenseitige Gruß ist zurückhaltend und wortlos. Dem Hund weht das Fell auch über die schönen, strahlenden, schwarzen Augen. Ich blicke ihn an und sehe die pure Lebensfreunde. Die Dame dreht sich kurz und winkt mir aus der Ferne. Ich habe den Eindruck: Er braucht sie und sie braucht ihn!

Danke für das Weitergehen, obwohl ihr gar nicht mehr konntet.

Danke für die Tränen, die du vor mir verheimlichen wolltest.

Danke für das Begleiten auf irgendwelche Ämtern und Krankenhäuser.Keiner dieser Orte ist ein „Wohlfühlort“.

Danke auch den Familienangehörigen und Gefährten, die sich aus Selbstschutz zurückgezogen haben, zurückziehen mussten. Vielen Dank an euch!

Wie oft habt ihr auf mit Entsetzen auf den Kontostand geblickt.

Jeder Begleiter eines bipolar erkrankten Menschen hat das Recht JEDERZEIT seinen EIGENEN Weg zu gehen, ohne Zweifel, ohne Reue. Dies soll auch eine kleine, liebevolle Provokation sein.

Aufzehren und Selbstaufgabe ist keine Lösung aber trotzdem Danke für eure guten Gedanken bzgl. Gefühle.Sie sind nicht umsonst, auch wenn es manchmal so scheint.

Ihr könnt oft wenig tun, lediglich kann vermittelt werden, das die Tür noch immer offen steht, Tag und Nacht. Manchmal ist auch dies eine Überforderung, total selbstverständlich.

Wer hilft eigentlich mir (Angehörige, Familie…)?

Danke, dass ihr in der Nacht wartet, bis ich endlich nach Hause komme. Du stellst Dich schlafend, wenn ich heim komme und eventuell und mich ekelhaft benehme. Ich schäme mich im nach hinein abgrundtief. Ich mag mich dann selbst nicht.

Danke, dass ihr oft am Morgen so tut, als wäre nichts geschehen. Der Frühstückstisch ist lecker gerichtet, mein Kaffee ist bereits eingeschenkt… Oh mein Gott, was bin ich für ein „A……“.

Jetzt bin ich stehengeblieben und blicke in die Landschaft, in die Ferne. Der Wind weht mir streng ins Gesicht. Plötzlich höre ich ein „schnüffeln“. Mein Freund der Riesenhund und die Hundehalterin. Ich spreche sie an und frage sie nach der Rasse des Tieres. Es handelt sich um eine Promenadenmischung und heißt „Bandit“. Herrlich! Wir verabschieden uns und wünschen uns gegenseitig einen schönen Abend.

Danke, dass ihr zu uns steht, wenn es nur noch peinlich und unerträglich ist. Danke auch an diejenigen von euch die genau wissen, wann sie aussteigen müssen.
Andere schützen kann man nur, wenn man sich zuerst selber schützt. Diesen Satz schreibt man scheinbar so dahin, aber er ist unfassbar, unfassbar schwer umzusetzen.

Ich trete den Rückweg an. Natürlich die Pfütze! Einmal nicht aufgepasst und schon steht man im Matsch. Ich versuche den Dreck mit Gras zu beseitigen, was natürlich kaum von Erfolg gekrönt ist, eher ist es ein „Verschlimmbesseren“.
Ich habe einmal bei einem medizinischen Vortrag über psychisch kranke Menschen und deren Betreuern einen interessanten Spruch gehört:“Seie nahe und tue nichts.“ Das ist natürlich nicht der „Stein der Weisen“, aber zum Nachdenken taugt er allemal.

Vielleicht hat euch das Lesen in irgendeiner Form ein etwas gut getan.

Inzwischen sehe ich „Bandit“ und sein „Frauchen“ nur noch aus der Ferne….. und nun gar nicht mehr…

Gebt niemals die Menschlichkeit preis.
„Bitte seid Menschen“ (Holocaust-Überlebende)
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Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Frankkk 516 14. 11. 2020 13:22

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Gedankenwelt75 122 14. 11. 2020 14:54

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Milla 107 14. 11. 2020 16:32

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Wesker 144 14. 11. 2020 21:58

Danke !

Frankkk 92 15. 11. 2020 13:27

Re: Danke !

Wesker 70 15. 11. 2020 20:24

Re: Danke !

kinswoman 105 15. 11. 2020 21:20

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Jeleo 72 18. 11. 2020 08:49

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Frankkk 135 18. 11. 2020 09:40

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

aufdersuche 78 19. 11. 2020 12:46

Re: Das Laufen im Wind – Dank eines Betroffenen an die Familie und das Umfeld eines Erkrankten.

Frankkk 87 20. 11. 2020 07:35



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