Was denkt ihr dazu? Vorstellung und einige Fragen

28. 05. 2021 14:21
Hallo zusammen!
Erst einmal möchte ich mich bedanken, dass hier so viele so tolle und wichtige Arbeit leisten! Die DGBS war mir bislang schon eine absolute Stütze bei meinen Recherchen.
Und nun möchte ich mich kurz vorstellen: ich selbst bin nicht erkrankt, aber mein Freund, nach jetzigem Stand. Im letzten halben Jahr ist, auch durch Corona und damit verbundene Änderungen und Einschränkungen, klar geworden, dass er Unterstützung braucht. Aufgefallen ist zunächst eine absolute Verhaltensänderung: er entwickelte sich vom fröhlichen, motivierten, selbstsicheren Sportler zum traurigen, antriebslosen „Stubenhocker“. Er begann, alles mögliche zu zerdenken. Sport war nicht möglich, Arbeit auch nicht, es gab keinen Ausgleich wie essen gehen oder Ausflüge, ich war den ganzen Tag arbeiten und er allein mit unseren beiden Hunden daheim. Immer öfter kam es zu Streitigkeiten, immer öfter wollte er weg von Zuhause. Das war im November. Zum Dezember hin manifestierten sich seine Verhaltensweisen immer mehr in Flucht und Aggressivität. Auch Tendenzen zum Fremdgehen bzw. Schritte dessen wurden mehr. Eine Zeit lang wollte er unbedingt ausziehen. Immer öfter wurde er laut und aggressiv mir gegenüber, log mich immer öfter an, schlief nicht, blieb einfach weg, auch über Nacht, aß nicht mehr regelmäßig. Im Januar gipfelten diese Verhaltensänderungen, die mir aus heutiger Sicht als manische Episode erscheinen (wenn ich mich damit irre korrigiert mich bitte gerne!) in einem Polizeieinsatz nach häuslicher Gewalt. Zuvor sprach er die Trennung aus. Er wurde daraufhin 10 Tage der Wohnung verwiesen. Nachdem er bei seinem Bruder untergekommen war, bei dem er auch einziehen wollte, bekam ich sofort eine Nachricht, dass wir nicht getrennt sind und es ihm leid tut und er mich nicht verlieren will. Wir trafen uns nach zwei Tagen und er weinte nur noch und sagte, dass ihm klar geworden sei, dass er auf keinen Fall ausziehen wolle. Wir einigten uns darauf, dass sobald er merkt, dass er aggressiv oder wütend wird, er die Wohnung verlässt und spazieren geht. Er sprach selbst an, dass er Hilfe braucht. Auf dem Weg zur Unterstützung ist einiges schief gelaufen: zunächst verschrieb unsere Hausärztin ihm Escitalopram, was er gut vertragen hat und wodurch es ihm deutlich besser ging. Zeitgleich haben wir uns um einen Termin bei einer Psychiaterin bemüht: ein absoluter Reinfall. Fazit des Gesprächs war: warten Sie das Ende des Lockdowns ab, lassen sie die Tabletten weg, sie haben nichts. Zum Glück hat er nicht darauf gehört und ist nochmals ins Gespräch mit unserer wirklich tollen und empathischen Hausärztin gegangen, die ihm eine Überweisung mit Dringlichkeitsvermerk ausstellte und bestärkte, die Medikation fortzuführen. Letzte Woche war nun der Termin bei einem Psychotherapeuten, bei dem er sich sehr gut aufgehoben gefühlt hat und der ihm eine neue Überweisung zum Psychiater ausstellte, da er durch seine Anamnese eine bipolare affektive Störung erkannt hat. Das ist genau das, was wir und das gesamte Umfeld bereits seit längerem vermuten. Nun ist in knapp 1,5 Wochen der Termin und ich lege all meine Hoffnung darein. In der Zwischenzeit war es deutlich ruhiger, wieder harmonischer, es gab kaum Zwischenfälle, er hat wieder Sport gemacht, auf seine Ernährung geachtet, war fröhlicher und wieder „der Alte“(ich weiß nicht wie ich es anders formulieren soll). Aktuell ist es wieder wie im Dezember und Januar, angefangen hat alles vor circa zwei Wochen. Seine Aggressivität mit gegenüber hat deutlich größere Ausmaße genommen, er selbst äußert, dass er Angst hat, irgendwann so die Beherrschung zu verlieren, dass er nicht mehr aufhört zuzuschlagen. Seine Stimmung schwankt teilweise stündlich zwischen Aggression/Wut und Traurigkeit/Scham und dann völliger Leere/Gleichgültigkeit. Er sagt mir (ganz bewusst )Dinge, die mich treffen und verletzen, wie zum Beispiel dass er mich betrügt oder betrügen will, dass er ausziehen will, dass er mich hasst und eigentlich eh nicht mit mir zusammen sein möchte. Seit neuestem ignoriert er mich selbst wenn ich ihn ganz deutlich anspreche. Wenn ich ihn frage, ob er sich wohl fühlt mit diesem „schlechten“ Verhalten und ob er das richtig findet, bejaht er dies. Kurz darauf beginnt er zu weinen und bereut das gesagte und entschuldigt sich und schämt sich. Er spricht immer wieder davon, einfach wegzugehen wenn ich arbeite und nicht wiederzukommen weil das für mich besser sei. Er dreht sich immer weiter in diesem Gedankenkarussel. Er macht es nicht, und ist froh darüber, fängt aber im Gespräch über sein Gefühl dazu direkt wieder an, dass er doch einfach gehen sollte weil man ihn ich lieben könne. Ich kann nicht mehr tun als ihm dann zu sagen, dass ich ihn liebe und unterstütze und ich mit ihm als Mensch, der für mich wertvoll und unglaublich wichtig ist, trotz allem glücklich bin und sein werde. Das kann er jedoch nur kurz annehmen. Er sagt ganz klar, dass er überfordert ist und sich nach der Anamnese/Diagnose schwach und wertlos fühlt. Nun haben wir bereits eine Selbsthilfegruppe gefunden, zu der er ab Montag gehen möchte, wenn es Coronabedingt möglich ist, sowie ein Stimmungstagebuch angelegt und Merksätze für ihn formuliert. Ich versuche ihn bei Entspannungsyoga am Abend zu unterstützen, erinnere ihn an seine Medikamente, seinen Tagesablauf und seinen Schlaf. Ich versuche in den schlimmen Momenten so ruhig wie möglich zu bleiben, ihm Grenzen aufzuzeigen und mitzuteilen dass er zu weit geht. Das gelingt mir nicht immer. Und auch wenn ich weiß, dass das wahrscheinlich durch die Manie kommt und er dieses Verhalten selbst nicht aushält und dass es ihm schlecht geht, tut es mir weh, wenn er mich anschreit, gemeine und bösartige Dinge sagt, lügt, oder gar wieder handgreiflich wird oder aus der Wohnung stürmen will oder seine Sachen packt. Ich versuche ihn oft so lange aufzuhalten, bis er sich so weit gefangen hat, dass er Auto fahren kann, oft wird es für mich dadurch noch schlimmer und ich nehme Verletzungen körperlicher und seelischer Art hin bzw. in Kauf. Ich wünsche mir für ihn nichts mehr, als dass er wieder unbeschwerter, glücklicher und zufriedener ist und wieder Selbstwertgefühl erlangt und sich nicht mehr schwach, sondern stark fühlt. Ich möchte wirklich mein Möglichstes tun, um ihn zu unterstützen, da ich an ihn glaube, ihn unendlich liebe und an uns glaube und daran, gemeinsam einen Weg zu finden.

Nun zu meinen Fragen bzw. Bitten an Euch, liebe Betroffene oder Angehörige:
Wie schafft ihr das alles? Wie könnt ihr verletzende Worte hinnehmen oder vergessen oder abtun? Was kann ich tun, um ihn zu unterstützen? Was hilft Euch? Was braucht ihr? Wann muss Hilfe durch Nichthilfe greifen? Wann muss ich die Bremse ziehen? Kann sein Verhalten auch gespielt sein? Ist das alles auf die Erkrankung zurückzuführen?

Ich weiß, das sind viele sehr komplexe Fragen. Ich bin euch sehr dankbar für jede erdenkliche, konstruktive Antwort. Ich mache bestimmt vieles falsch, bitte seid nicht zu hart zu mir, ich bin auch nur ein Mensch.☺️
Liebe Grüße
JustOneDay
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JustOneDay 523 28. 05. 2021 14:21

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FLYHIGH 150 28. 05. 2021 14:48

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JustOneDay 129 28. 05. 2021 15:29

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FLYHIGH 125 28. 05. 2021 15:48

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Milla 122 28. 05. 2021 15:55

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JustOneDay 118 28. 05. 2021 16:26

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Milla 108 28. 05. 2021 20:19

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JustOneDay 100 28. 05. 2021 20:42

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Milla 122 28. 05. 2021 21:30

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JustOneDay 89 29. 05. 2021 10:06

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Milla 92 29. 05. 2021 11:09

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Milla 91 29. 05. 2021 11:16

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Bohumil 140 28. 05. 2021 15:54

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JustOneDay 135 28. 05. 2021 16:25

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Bohumil 122 29. 05. 2021 17:09

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JustOneDay 109 30. 05. 2021 10:06

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Bohumil 89 04. 06. 2021 13:49



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