Carbamazepin

24. 11. 2009 18:23
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In den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts hatte man versucht, weitere Neuroleptika zu finden. 1957 synthetisierten Walter Schindler und Hans Blattner das Carbamazepin, indem sie Chlorpromazin (ein mittelpotentes Neuroleptikum) chemisch abwandelten. Fünf Jahre später wurde Carbamazepin aufgrund seiner anfallsbekämpfenden Eigenschaften als Antiepileptikum in die Therapie eingeführt. Carbamazepin wird seit den sechziger Jahren zur Behandlung von Patienten mit Epilepsien eingesetzt. Bereits 1972 wurde durch Untersuchungen in Japan erstmals die deutlich antimanische und auch prophylaktische Wirkung von Carbamazepin belegt. Schon damals konnte gezeigt werden, dass Patienten mit phasenhaften manisch-depressiven Erkrankungen durch den Einsatz des Antikonvulsivums Carbamazepin langfristig symptomfrei blieben. Carbamazepin ist in Deutschland seit Mitte der neunziger Jahre als Mittel der zweiten Wahl für die Rezidivprophylaxe zugelassen, wenn Lithium nicht ausreichend wirksam ist.

Carbamazepin ist gut geeignet, um akut manische Zustände zu behandeln, da es schneller als Lithium aufdosiert werden kann und wirkt. Bei akuten Zuständen kann auch mit Carbamazepin kaum auf eine Zusatzmedikation (Neuroleptika, Benzodiazepine) verzichtet werden. Das Carbamazepin zeichnet sich durch einen sehr raschen Wirkungseintritt aus und die Behandlung damit wird vom Patienten als weniger belastend empfunden als die Behandlung nur mit hochpotenten Neuroleptika.

Eine phasenprophylaktische Wirkung ist ebenso nachgewiesen. Bei bipolaren Depressionen ist es jedoch umstritten, ob Carbamazepin akut eine positive Wirkung hat.

Bei Mischzuständen und beim Rapid Cycling scheint Carbamazepin dem Lithium überlegen zu sein. Vor allem eine Kombinationstherapie von Carbamazepin und Lithium scheint bei Rapid Cycling besonders geeignet zu sein. Aufgrund weiterer Daten kann angenommen werden, dass Carbamazepin bei typischen Bipolar-I-Störungen (also ohne Rapid Cycling und ohne psychotische oder gemischte Zustände) weniger wirksam ist als Lithium.

Carbamazepin wird über die Leber abgebaut und beschleunigt dort den eigenen Stoffwechselweg, was dazu führt, dass viele Medikamente, die ebenfalls über diesen Weg verstoffwechselt werden, schneller abgebaut werden. Vor allem viele Neuroleptika und Antidepressiva werden über diesen Stoffwechselweg abgebaut, so dass der Einsatz von Carbamazepin in Kombinationstherapien sehr umstritten ist und lieber vermieden wird.

Auch in Kombination mit Lithium werden Nebenwirkungen verstärkt, wobei die Kombinationstherapie Carbamazepin und Lithium bei depressiven Phasen jedoch sehr wirksam zu sein scheint (mehr als 50% reagierten in einer Studie (2000) positiv auf die Zugabe von Lithium zu Carbamazepin).

Carbamazepin ist ähnlich wie Valproinsäure keine empfehlenswerte Monotherapie für die bipolare Depression. Es kann allerdings helfen, einem „Switch“ in die Manie vorzubeugen.

Wenn man die vorbeugende Therapie nur mit Lithium und die Therapie nur mit Carbamazepin vergleicht, so zeigt es sich, dass die Lithiumpatienten deutlich weniger Rückfälle haben und auch weniger zusätzliche Psychopharmaka brauchen. Auch sind die Nebenwirkungen bei Lithium im Vergleich zum Carbamazepin häufiger leicht bis mittelschwer und die von Carbamazepin häufiger schwer. Die Gewichtszunahme allerdings ist bei Carbamazepin geringer als bei Lithium.

Carbamazepin kommt auch in Frage, wenn im Verlauf der Erkrankung gehäuft dysphorische oder psychotische Manien, Depressionen mit psychotischen Merkmalen bzw. manisch-depressive Mischzustände aufgetreten sind. Die rückfallverhütende Wirkung tritt erst nach Wochen oder sogar nach Monaten ein.

Insgesamt macht dies jedoch Carbamazepin zu einem Mittel der zweiten Wahl, in der Regel werden erst Lithium und auch Valproat (bei Rapid Cycling und Mischphasen) als Stimmungsstabilisierer probiert.

Wirkmechanismus

Es werden inhibitorische (hemmende) Systeme wie das GABA-System aktiviert, während erregende Systeme wie Glutamat gehemmt werden, was letztendlich zur antikonvulsiven (anfallsverhindernden) und zur psychisch stabilisierenden Wirkung beiträgt.

Carbamazepin hat im Gegensatz zu dem Antiepileptikum Valproat eine deutliche glutamathemmende Wirkung, so dass Carbamazepin bei Patienten mit schizoaffektiver Psychose etwas stärker wirksam ist, während Valproat seine Effekte eher bei rein manisch-depressiven Erkrankungen entfaltet. Die Antikonvulsiva wirken auf verschiedene Ionenkanäle. So hemmen sie den Natriumeinstrom, erleichtern den Kaliumausstrom und hemmen den Kalziumtransport, was zu einer Verringerung der Erregungsbereitschaft führt.

Handelsformen

Wirkstoff Carbamazepin:

Carbabeta® Tabletten (Mono); Carbabeta® retard Retardtabletten (Mono); Carba-CT Tabletten (Mono); Carba-CT Retardtabletten (Mono); Carbaflux® Tabletten (Mono); Carbaflux® Retardtabletten (Mono); Carbagamma® Tabletten mit Bruchrille (Mono); Carbamazepin 1A-Pharma® Tabletten (Mono); Carbamazepin retard1A-Pharma N Retardtabletten (Mono); Carbamazepin AL retard Retardtabletten (Mono); Carbamazepin HEXAL® retard Retardtabletten (Mono); Carbamazepin HEXAL® Tabletten (Mono); Carbamazepin-neuraxpharm® 200 mg Tabletten (Mono); Carbamazepin-neuraxpharm® retard Retardtabletten (Mono); Carbamazepin-ratiopharm® Tabletten (Mono); Carbamazepin-ratiopharm® Retardtabletten (Mono); Carbamazepin Sandoz® Tabletten (Mono); Carbamazepin Sandoz® Retardtabletten (Mono); Carbamazepin STADA® Tabletten (Mono); Finlepsin® retard Retardtabletten (Mono); Finlepsin® Tabletten (Mono); Tegretal® retard Retardtabletten (Mono); Tegretal® Tabletten (Mono); Tegretal® Suspension (Mono); Timonil® retard Retardtabletten (Mono); Timonil Tabletten (Mono); Timonil® Saft (Mono)

Dosierung

Da Carbamazepin seine eigene Verstoffwechselung anregt (Autoinduktion), sollte mit einer kleinen Dosis (2mal 100 mg/Tag) begonnen werden und diese im Verlauf von Wochen bis Monaten langsam gesteigert werden. Wirksame Plasmaspiegel liegen zwischen 15 und 30 µmol/l; die Dosierung basiert jedoch vor allem auf der klinischen Symptomatik.
Die wirkungsvolle Dosierung ist individuell sehr unterschiedlich. Deshalb ist eine genaue Kontrolle und sorgfältige Einstellung des Betroffenen erforderlich. Die Zieldosis kann individuell stark variieren und liegt üblicherweise zwischen 400 bis 1200 mg. Regelmäßige Spiegelkontrollen sind erforderlich (Referenzwert: 4 - 12µg/ml).

Gegenanzeigen bei:

-Vorliegen einer Knochenmarkschädigung, Knochenmarkdepression in der Vorgeschichte;
- atrioventrikulärem Block (eine Form einer Herzrhythmusstörung);
- bekannter Überempfindlichkeit gegen Carbamazepin oder trizyklische Antidepressiva oder gegen andere Bestandteile des Arzneimittels;
- akuter intermittierender Porphyrie (Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffes);
- gleichzeitiger Behandlung mit einem Monoaminoxidase-Hemmer (eine spezielle Gruppe von Antidepressiva);
- gleichzeitiger Behandlung mit Voriconazol (Antimyotikum = Mittel gegen Pilzinfektion), da es zum Therapieversagen dieses Medikamentes kommen kann.

Da Carbamazepin Absencen (kurze Bewußtseins„pausen“) hervorrufen bzw. bereits bestehende verstärken kann, sollte man bei Patienten, die unter diesen Anfallsformen leiden, Carbamazepin nicht anwenden.

Carbamazepin darf nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung und entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen
angewendet werden bei:

- früheren oder bestehenden hämatologischen Erkrankungen, hämatologischen Reaktionen auf andere Arzneimittel in der Vorgeschichte;
- gestörtem Natrium-Stoffwechsel, schweren Herz-, Leber- und Nierenfunktionsstörungen bei Patienten mit myotoner Dystrophie (Muskelerkrankung mit Muskelschwäche, Linsentrübung und Hormonstörung), da bei dieser Patientengruppe häufig kardiale Überleitungsstörungen auftreten.

Eine Schwangerschaft stellt eine Kontraindikation dar. Einzelne Fälle von Spina bifida (Offener Rücken) sind mit der Einnahme von Carbamazepin in Verbindung gebracht worden. Obwohl auch Carbamazepin mit der Muttermilch ausgeschieden wird, gilt Stillen als erlaubt.

Wechselwirkungen

Carbamazepin ist ein Induktor der Zytochrom-Isoenzyme CYP1A2 und CYP3A4 und seinerseits Substrat dieser Zytochrome sowie von CYP2C9. Damit ist die Substanz Ursache von vielfältigen und komplexen Interaktionen, die hier nicht in den Einzelheiten dargestellt werden können. Man sollte deshalb als Patient dem behandelnden Psychiater jede Form der Medikamenteneinnahme mitteilen, auch Medikamente die erst später verschrieben werden oder frei verkäufliche Medikamente. Ebenso wichtig ist die Mitteilung, dass Carbamazepin eingenommen wird für den Hausarzt und andere behandelnde Fachärzte, insbesondere für Gynäkologen, Kardiologen und Hämatologen. Anschließend folgen nur die allerwichtigsten Warnhinweise:

Eine vorherige Behandlung mit Neuroleptika soll länger als 8 Wochen zurückliegen und auch nicht gleichzeitig erfolgen. In der Literatur gibt es Hinweise darauf, dass die zusätzliche Einnahme von Carbamazepin bei vorbestehender Neuroleptikatherapie das Risiko für das Auftreten eines malignen neuroleptischen Syndroms (bei Wikipedia nachschlagen) oder eines Steven-Johnson-Syndroms erhöht (Fieber und Blasen auf Haut und Schleimhäuten, eine schwere Erkrankung).

Wenn Carbamazepin zur Prophylaxe manisch-depressiver Phasen bei unzureichender Wirksamkeit von Lithium alleine in Ausnahmefällen zusammen mit Lithium gegeben werden soll, ist zur Vermeidung von unerwünschten Wechselwirkungen darauf zu achten, dass eine bestimmte Plasmakonzentration von Carbamazepin nicht überschritten wird (8 µg/ml), der Lithiumspiegel in einem niedrigen therapeutischen Bereich gehalten wird (0,3 bis 0,8 mval/l) und eine Behandlung mit Neuroleptika länger als 8 Wochen zurückliegt und auch nicht gleichzeitig erfolgt. Es wird darauf hingewiesen, dass insbesondere die gleichzeitige Anwendung von Lithium und Carbamazepin die neurotoxische Wirkung beider Wirkstoffe verstärken kann. Daher ist eine sorgfältige Überwachung der Blutspiegel von beiden notwendig. Auf folgende Anzeichen neurotoxischer Symptome ist zu achten: Unsicherer Gang, Ataxie (Bewegungsstörungen), horizontaler Nystagmus (Augenzittern in der Waagrechten), gesteigerte Muskeleigenreflexe, Muskelzucken (Muskelfaszikulationen).

Mindestens zwei Wochen vor Beginn einer Behandlung mit Carbamazepin muss eine Behandlung mit MAO-Hemmern beendet worden sein.

Bei Einnahme der ,,Pille‘‘ können, zusätzlich zur Wirkungsabschwächung der hormonalen Kontrazeptiva, plötzliche Zwischenblutungen auftreten. Deshalb sollte das orale Kontrazeptivum mehr als 50 mg Estrogen enthalten oder es sollten andere, nicht hormonale Verhütungsmethoden angewendet werden.

Folgende Psychopharmaka werden von Carbamazepin beeinflusst bzw. es kann von ihnen beeinflusst werden:

Bupropion, Lamotrigin, Topiramat, Valproinsäure, Benzodiazepine, typische Neuroleptika (Haloperidol, Bromperidol) und atypische Neuroleptika (Clozapin, Olanzapin, Risperidon, Quetiapin), trizyklische Antidepressiva (z. B. Imipramin, Amitryptilin, Nortryptilin, Clomipramin), Methylphenidat, Trazodon, Zotepin, Johanniskraut, Fluoxetin, Nefazodon, Desipramin, Fluvoxamin.

Die gleichzeitige Gabe von Antidepressiva vom Typ der Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (z. B. Fluoxetin) kann zu einem toxischen Serotonin-Syndrom führen (siehe Wikipedia).

Carbamazepin scheint die Elimination von Schilddrüsenhormonen zu verstärken und den Bedarf an diesen bei Patienten mit Schilddrüsenunterfunktion zu erhöhen. Deshalb sind bei solchen Patienten, die eine Substitutionstherapie erhalten, zu Beginn und am Ende einer Therapie mit Carbamazepin die Schilddrüsenparameter zu bestimmen. Gegebenenfalls ist eine Dosisanpassung der Schilddrüsenhormonpräparate vorzunehmen.

Warnhinweise und sonstige Hinweise

Beim Auftreten von Fieber, Halsschmerzen, allergischen Hautreaktionen wie Hautausschlag mit Lymphknotenschwellungen und/oder grippeähnlichen Krankheitsbeschwerden unter der Behandlung mit Carbamazepin sollte der Patient sofort den Arzt aufsuchen und das Blutbild bestimmt werden. Bei schweren allergischen Reaktionen ist Carbamazepin sofort abzusetzen. Man sollte beim Auftreten von Symptomen einer Leberentzündung wie Schlappheit, Appetitlosigkeit, Übelkeit, Gelbfärbung der Haut, Vergrößerung der Leber umgehend den Arzt aufsuchen.

Beim Auftreten bestimmter Blutbildveränderungen (insbesondere Leukozytopenien (Mangel an weißen Blutkörperchen) und Thrombozytopenien (Mangel an Blutplättchen) kann das Absetzen von Carbamazepin erforderlich sein; dies ist immer der Fall, wenn gleichzeitig Beschwerden wie allergische Symptome, Fieber, Halsschmerzen oder Hautblutungen auftreten.

Aufgrund der unten genannten möglichen Nebenwirkungen sowie Überempfindlichkeitsreaktionen sind, insbesondere bei Langzeittherapie, regelmäßig Blutbild, Nieren- und Leberfunktion und der Carbamazepin-Spiegel sowie bei Kombinationstherapie die Plasmakonzentrationen der anderen Medikamente zu kontrollieren, gegebenenfalls sind die Tagesdosen von Carbamazepin zu reduzieren.

Es empfiehlt sich, Blutbild und Leberwerte zunächst vor der Behandlung mit Carbamazepin, dann in wöchentlichen Abständen im ersten Monat der Behandlung, danach in monatlichen Abständen zu kontrollieren. Nach 6-monatiger Behandlung reichen teilweise 2- bis 4-malige Kontrollen im Jahr aus. Bei Patienten mit Glaukom (grüner Star) soll der Augeninnendruck regelmäßig gemessen werden.

Wird eine Umstellung der Therapie erforderlich, darf die Umstellung nicht plötzlich erfolgen, sondern es muss ausschleichend auf die Behandlung mit einem anderen Medikament umgestellt werden.

Aufgrund der Möglichkeit einer Photosensibilisierung sollten sich die Patienten während der Behandlung mit Carbamazepin vor starker Sonnenbestrahlung schützen.

Über eine Erhöhung der Carbamazepin-Bioverfügbarkeit und -Plasmaspiegel durch Genuss von Grapefruit-Saft wurde berichtet. Carbamazepin kann, wie andere psychoaktive Stoffe, die Alkoholtoleranz der Patienten vermindern. Die Patienten sollten daher während der Behandlung keinen Alkohol trinken.

Bei Umstellung von bisherigen (nicht retardierten) Darreichungsformen auf retardierte Formen ist auf ausreichende Serumspiegel von Carbamazepin zu achten.

Durch das Auftreten zentralnervöser Nebenwirkungen, wie z. B. Schwindel, Benommenheit, Müdigkeit zu Beginn der Behandlung oder in höheren Dosen und/oder bei gleichzeitiger Einnahme anderer, ebenfalls am Zentralnervensystem angreifender Arzneimittel kann Carbamazepin auch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch das Reaktionsvermögen unabhängig von der Auswirkung des zu behandelnden Grundleidens so weit verändern, dass z. B. die Fähigkeit zur aktiven Teilnahme am Straßenverkehr oder zum Bedienen von Maschinen oder Arbeiten ohne sicheren Halt vermindert wird. Dies gilt in verstärktem Maße im Zusammenwirken mit Alkohol.

Suizidgedanken und suizidales Verhalten

Über suizidale Gedanken und suizidales Verhalten wurde bei Patienten berichtet, die mit Antiepileptika in verschiedenen Indikationen behandelt wurden. Eine übergreifende Analyse randomisierter, placebokontrollierter Studien mit Antiepileptika zeigte auch ein leicht erhöhtes Risiko für das Auftreten von Suizidgedanken und suizidalem Verhalten. Der Mechanismus für die Auslösung dieser Nebenwirkung ist nicht bekannt und die verfügbaren Daten schließen die Möglichkeit eines erhöhten Risikos bei der Einnahme von Carbamazepin nicht aus. Deshalb sollten Patienten hinsichtlich Anzeichen von Suizidgedanken und suizidalen Verhaltensweisen überwacht und eine geeignete Behandlung in Erwägung gezogen werden. Patienten (und deren Betreuern) sollte geraten werden, medizinische Hilfe einzuholen, wenn Anzeichen für Suizidgedanken oder suizidales Verhalten auftreten.

Zu der oben genannten übergreifenden Analyse wurde jetzt von Berliner Wissenschaftlern eine kleinere Studie mit Patienten unter Antiepileptika-Behandlung durchgeführt, um herauszufinden, welche Antiepileptika mit einem vermehrten Suizidrisiko behaftet sind:

Artikel zur Studie

Nebenwirkungen

Ein Großteil der Nebenwirkungen kann dosisabhängig, insbesondere bei Behandlungsbeginn auftreten, und verschwindet meist nach 8 – 14 Tagen von selbst oder nach vorübergehender Dosisreduktion. Daher sollte Carbamazepin möglichst einschleichend dosiert werden.

Zentralnervensystem/Psyche

Sehr häufig können Somnolenz (Benommenheit), Sedierung, Schläfrigkeit, Schwindel, Ataxie (Bewegungsstörungen) (ataktische = unregelmäßige und zerebellare = vom Kleinhirn kommende Störungen), gelegentlich auch Kopfschmerzen, bei älteren Patienten Verwirrtheit und Unruhe (Agitation) auftreten.
Im psychischen Bereich wurden sehr selten Stimmungsveränderungen wie depressive oder manische Verstimmungen, phobische (Angst-) Störungen, aggressives Verhalten, Denkerschwernis, Antriebsverarmung sowie Halluzinationen (akustisch und visuell), Tinnitus (Ohrgeräusche) und Hyperakusis (verstärktes Wahrnehmen von Geräuschen) und Hypoakusis (vermindertes Wahrnehmen von Geräuschen) sowie Änderung der Wahrnehmung von Tonhöhen beobachtet.

Unter der Behandlung mit Carbamazepin können latente (schlummernde) Psychosen aktiviert werden.
Gelegentlich treten unwillkürliche Bewegungen wie z. B. Asterixis (grobschlägiges Zittern der Hände) oder Ticks, Störungen der Okulomotorik (Augenbewegungen) einhergehend mit Nystagmus (Augenzittern) und/oder Doppelbildern sowie Akkommodationsstörungen (verschwommenes Sehen) auf. Darüber hinaus können bei älteren und hirngeschädigten Patienten dyskinetische Störungen (unwillkürliche Bewegungen) wie orofaziale Dyskinesien (unwillkürliche Bewegungen und Muskelzuckungen im Mund-Gesichtsbereich), Choreoathetose (unwillkürliche Bewegungen im Mund-Gesichtsbereich wie Grimassieren, verschraubte Bewegungen) auftreten. Sehr selten wurden Sprechstörungen, Missempfindungen, Muskelschwäche, Polyneuropathie (Störungen überall im Nervensystem, nur nicht zentral), periphere Neuritis (Nervenenzündungen an den äußeren Nerven) sowie Lähmungserscheinungen der Beine (Paresen) und Geschmacksstörungen berichtet. Es gibt Hinweise darauf, dass Carbamazepin zu einer Verschlechterung der Symptome einer Multiplen Sklerose führen kann. Es wurden Fälle von aseptischer Meningitis (nicht bakterielle oder virale Entzündung der Gehirnhäute) unter Carbamazepin-Therapie berichtet. Wie bei Einnahme anderer Medikamente gegen Anfallsleiden auch, kann es unter Carbamazepin zu einer Anfallshäufung kommen; insbesondere Absencen (spezielle von beiden Hirnhälften ausgehende Anfallsform) können verstärkt oder neu auftreten.

Augen

Sehr selten treten Konjunktividen (Bindehautentzündungen) auf. Über Linsentrübung wurde berichtet. Bei zwei Patienten wurde in Zusammenhang mit einer Carbamazepin-Langzeittherapie über Retinotoxizität (Netzhautschädigung) berichtet, die nach Absetzen des Carbamazepins rückläufig war.

Bewegungsapparat

Sehr selten wurde über Arthralgien (Gelenkschmerzen) und Myalgien (Muskelschmerzen) sowie Muskelkrämpfe berichtet. Nach Absetzen von Carbamazepin verschwanden diese Erscheinungen.

Haut, Schleimhäute, Gefäßsystem

Häufig bis sehr häufig wird über allergische Hautreaktionen mit und ohne Fieber wie z. B. Urtikaria (Nesselsucht) oder Pruritus (Juckreiz) sowie vereinzelt über exfoliative Dermatitis (Hautentzündung mit großflächiger Schuppung), Erythrodermie (Rötung der gesamten Haut mit Entzündung und Erweiterung der Gefäße), Lyell-Syndrom (blasige Ablösungen der Epidermis der Haut „Syndrom der verbrühten Haut“), Photosensibilität (Lichtempfindlichkeit), Erythema exsudativum multiforme et nodosum (akute entzündliche Erkrankung der Haut oder Schleimhaut mit Knoten), Steven-Johnson-Syndrom (Fieber und Blasen auf Haut und Schleimhäuten, schwere Erkrankung), Purpura (kleinfleckige Kapillarblutungen in die Haut/Unterhaut), Lupus erythematodes disseminatus (Fieber; Abgeschlagenheit und Empfindlichkeit gegenüber Sonnenlicht. rheuma-ähnliche Gelenkschmerzen, auf der Haut bilden sich oft Erytheme) berichtet. Alopezie (Haarausfall), vermehrtes Schwitzen, Veränderung der Hautpigmentierung, Akne, Hirsutismus (Vermännlichung der Behaarung), Vaskulitis (Gefäßentzündung) traten vereinzelt bis gelegentlich auf.

Blut- und Lymphsystem

Häufig bis sehr häufig treten Blutbildveränderungen in Form von Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen), Eosinophilie (Vermehrung einer bestimmten Unterform der weißen Blutkörperchen, die Allergien anzeigen) oder Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen), Thrombozytopenie (Verminderung der Blutplättchen) auf. Nach Literaturangaben tritt davon am häufigsten eine gutartige Leukopenie, in etwa 10 % der Fälle vorübergehend, in 2 % persistierend (anhaltend), auf. Eine gutartige Leukopenie tritt vor allem innerhalb der ersten vier Therapiemonate auf. Sehr selten wurde über zum Teil lebensbedrohende Blutzellschäden wie Agranulozytose (komplettes Fehlen einer Art der weißen Blutkörperchen), aplastische Anämie (rote Blutkörperchen, weiße Blutkörperchen und Blutblättchen werden nicht mehr gebildet), neben anderen Anämie (= Blutarmut) -formen (hämolytisch, d.h. die roten Blutkörperchenlösen sich auf, megaloblastisch, d.h. die roten Blutkörperchen werden sehr groß), Retikulozytose (Ansteigen von unreifen roten Blutkörperchen) und über Lymphadenopathie (Anschwellen der Lymphknoten), Milzvergrößerung berichtet.

Gastrointestinaltrakt

Häufig treten Appetitlosigkeit, Mundtrockenheit, Nausea (Übelkeit) und Vomitus (Erbrechen), selten Diarrhöe (Durchfall) oder Obstipation (Verstopfung) auf. Einzelfälle von Bauchschmerz sowie Schleimhautentzündungen im Mund-Rachen-Bereich (Stomatitis = Entzündung der Mundschleimhaut, Gingivitis = Entzündung des Zahnfleisches, Glossitis = Entzündung der Zunge) sind berichtet worden. In der Literatur finden sich Hinweise, dass Carbamazepin möglicherweise eine Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) verursachen kann.

Leber und Galle

Häufig finden sich Veränderungen von Leberfunktionswerten, selten Ikterus (Gelbsucht), vereinzelt verschiedene Formen von Hepatitis (Leberentzündung). Selten tritt insbesondere innerhalb der ersten Therapiemonate eine lebensbedrohliche akute Hepatitis mit Leberversagen auf allergischer Basis auf (s. a. ,,Überempfindlichkeitsreaktionen‘‘).

Stoffwechsel (Wasser- und Mineralhaushalt), Hormonstatus

Häufig tritt eine Hyponatriämie (zu wenig Natrium im Blut) auf, die gelegentlich zu Flüssigkeitsretention (Störung des Wasser-Elektrolyt-Haushalts im Sinne einer ungenügenden Ausscheidung), Ödem, Gewichtszunahme und verminderter Plasmaosmolalität (Elektrolytverlust) und selten zu Wasserintoxikation (Wasservergiftung im Sinne von zu viel Wasser im Körper) mit Erbrechen, Kopfschmerz, Verwirrung, Lethargie und anderen neurologischen Anomalien führt. Sehr selten wird über Gynäkomastie (Wachsen der Brüste) oder Galaktorrhöe (Milchsekretion) berichtet.

Carbamazepin kann den Serum-Kalziumspiegel durch beschleunigten Metabolismus des 25-OH-Cholecalciferols senken. Dies führte vereinzelt zu einer Osteomalazie (schmerzhafte Knochenerweichung). Insbesondere bei einer Kombinationstherapie mit anderen Antikonvulsiva können die Schilddrüsenwerte verändert sein. Erhöhte Cholesterinspiegel, einschließlich HDL-Cholesterin und Triglyzeride, können sehr selten auftreten, ebenso eine Erhöhung des freien Cortisols im Serum. Carbamazepin kann den Folsäurespiegel im Serum senken, darüber hinaus gibt es Hinweise auf verminderte Vitamin-B12-Spiegel und erhöhte Homocystein-Spiegel im Serum. In 2 Fällen wurde eine akute intermittierende Porphyrie (Störung in der Bildung des roten Blutfarbstoffes) ausgelöst.

Atmungsorgane

Einzelfälle von Hypersensivitätsreaktionen (Überempfindlichkeitsreaktionen) der Lunge mit Fieber, Dyspnoe (Atemnot) und Pneumonie der Alveolen (Lungenentzündung, speziell der Lungenbläschen) und Lungenfibrose (verstärkte Bildung von Bindegewebe zwischen den Lungenbläschen (Alveolen) und den sie umgebenden Blutgefäßen) wurden in der Literatur beschrieben.

Urogenitaltrakt

Gelegentlich treten Nierenfunktionsstörungen, die zum Teil auf den antidiuretischen (harnzurückhaltenden) Effekt von Carbamazepin zurückzuführen sind, wie z. B. Proteinurie (Protein im Harn), Hämaturie (Blut im Harn), Oligurie (zu geringe Harnbildung), sowie andere Symptome einer Nierenerkrankung, sehr selten bis hin zu interstitieller Nephritis (Entzündung der Nierengängchen und des angrenzenden Gewebes) oder Nierenversagen, und andere Harnbeschwerden (Dysurie = erschwerte gewollte Blasenentleerung, Pollakisurie = häufiges Wasserlassen in kleinen Mengen, Harnretention = Harnverhaltung) auf. Weiterhin traten Einzelfälle sexueller Funktionsstörungen wie z.B. Impotenz, verminderte Libido (verminderte sexuelle Lust), verminderte männliche Fertilität (Zeugungsfähigkeit) und/oder abnorme Spermiogenese (Bildung von männlichen Keimzellen) auf.

Herz-Kreislauf-System

Gelegentlich bis selten können Bradykardie (zu langsamer Herzschlag) und Herzrhythmusstörungen sowie Verschlechterung einer vorbestehenden koronaren Herzkrankheit (Krankheit der Herzkranzgefäße) auftreten, insbesondere bei älteren Patienten oder Patienten mit bekannten Herzfunktionsstörungen. Gelegentlich tritt ein AV-Block (atrioventrikulärer Block, ist eine häufige Herzrhythmusstörung), in Einzelfällen mit Synkopen (Kreislaufkollaps) sowie Hypertonie (Bluthochdruck) oder Hypotonie (zu niedriger Blutdruck) auf.
Besonders in hoher Dosierung kann Blutdruckabfall auftreten. Darüber hinaus wurde über Thrombophlebitis (akuter Gefäßverschluß und Entzündung von meist oberflächlichen Venen) und Thromboembolie (Gefäßverschluß durch Gerinsel) berichtet.

Überempfindlichkeitsreaktionen

Gelegentlich sind verzögerte, mehrere Organsysteme betreffende Überempfindlichkeitsreaktionen mit Fieber, Hautausschlag, Vaskulitis (Gefäßentzündung), Lymphknotenschwellung, Gelenkschmerz, Leukopenie (zu wenig weiße Blutkörperchen), Eosinophilie (zu viel einer bestimmten Sorte der weißen Blutkörperchen, die auf Allergie hinweisen), Vergrößerung von Leber und Milz oder veränderte Leberfunktionswerte. Diese Erscheinungen können in verschiedenen Kombinationen auftreten und auch andere Organe wie Lunge, Niere, Bauchspeicheldrüse, Herzmuskel und Dickdarm betreffen. Sehr selten wurden akute allergische Allgemeinreaktionen und aseptische (nicht durch Viren oder Bakterien hervorgerufene) Hirnhautentzündung mit Myoklonus (Muskelkrämpfen) und Eosinophilie, anaphylaktische (akute, pathologische (krankhafte) Reaktion des Immunsystems von Mensch und Tier auf chemische Reize und betrifft den gesamten Organismus) Reaktionen und Angioödeme (rasch sich entwickelnde, schmerzlose, selten juckende Schwellung (Ödem) von Haut, Schleimhaut und der angrenzenden Gewebe, die auf einer plötzlichen Erhöhung der Permeabilität (Durchlässigkeit) der Gefäßwände beruht) beobachtet.

Quellen

Fachinfo-Service/ Rote Liste/ November 2009

„Zur Geschichte der Therapie der Epilepsie. Eine der ältesten bekannten Krankheiten“
Bardia Tajerbashi, Christoph Friedrich, Prof. Dr.Institut für Geschichte der Pharmazie, Philipps-Universität Marburg, Roter Graben 10, 35032 Marburg

Bipolare Störungen: Pharmakotherapie
Roland Ricken, Max Pilhatsch, Michael Bauer

www.psychose.de
Priv. Doz. Dr. med. Martin Lambert, Marc Burlon, Prof. Dr. Dipl. Psych. Thomas Bock, Daniel Schöttle
(alle Arbeitsbereich Psychosen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistr. 52, 20246 Hamburg)

Brain Explorer
Lundbeck Institute

"Neue internationale Therapierichtlinien (DFP)"
Dr. Edda Pjrek, Dr. Dietmar Winkler und O. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Siegfried Kasper
MMA, CliniCum psy 1/2006

"Pharmakotherapie Bipolarer Störungen"
Autor: T. Koch, Reviewer: F.R. Gusberti, E. Seifritz & P. Zingg

pharma-kritik Jahrgang 22, Nr.10 16. Januar 2001

„Leben mit Bipolaren Störungen“
Peter Bräunig, Gerd Dietrich

„Die Suizidalität unter Therapie mit Stimmungsstabilisatoren Lithium und Carbamazepin“
Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Medizin der Medizinischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen vorgelegt von Edina Huric aus Vlasenica 2006

Wikipedia



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Das Forum-Administrationsteam 43208 11. 05. 2012 00:21

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Das Forum-Administrationsteam 8815 04. 05. 2009 01:14

Re: Antidepressiva

Das Forum-Administrationsteam 5926 12. 07. 2009 20:07

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Das Forum-Administrationsteam 9404 04. 05. 2009 01:21

Alternative Medikamente, die in seltenen Fällen zur MITBEHANDLUNG der Bipolaren Störung eingesetzt werden (teilweise äußerst umstritten)

Das Forum-Administrationsteam 8545 04. 05. 2009 01:35



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