Hi,
„Gespaltener Wesenskern“ ist keine typische oder fachlich etablierte Beschreibung einer bipolaren Störung. Und gerade als Überschrift ist sie ziemlich irreführend. Denn die bipolare Störung ist keine Aufspaltung des Menschen in zwei innere Personen oder Wesensanteile. Der Betroffene bleibt dieselbe Person, die sich in unterschiedlichen Krankheitszuständen unterschiedlich erleben und verhalten kann.
Und gerade deshalb würde ich bei dem Begriff „gesunder Wesenskern“ vorsichtig sein. Er suggeriert fast, man könne jedes Verhalten eindeutig sortieren: Das bin wirklich ich versus das ist die Krankheit. So einfach ist es eben nicht. Die Erkrankung beeinflusst Verhalten, aber sie ersetzt nicht die Person.
Bei einer bipolaren Störung geht es nicht darum, dass im Menschen zwei Wesenskerne oder Persönlichkeiten miteinander konkurrieren. Manie, Depression und Mischzustände sind episodische, affektive Zustandsveränderungen einer Person. Während einer Episode können Denken, Fühlen, Antrieb, Impulskontrolle, Selbstwahrnehmung und Verhalten erheblich verändert sein. Das bedeutet aber nicht, dass ein „kranker Teil“ neben einem „gesunden Wesenskern“ existiert. Gerade nach einer ausgeprägten Episode mit psychotischen Symptomen wäre meines Erachtens etwas mehr Zurückhaltung angebracht. Man kann beobachten und beschreiben, was passiert. Aber daraus eine Art innere Aufteilung der Persönlichkeit zu konstruieren, ist etwas anderes.
"Erkrankter Mensch" ist etwas anderes als "gespaltener Wesenskern". Es ist besser, Beobachtung und klinischen Wortschatz nicht durcheinander zu werfen.
VG fahni