Es gibt Grenzen, die dir von außen gesetzt werden. Das sind die, wenn dein Verhalten so extrem ist, dass es gerechtfertigt ist, dich zwangseinzuweisen.
Und dann gibt es die Möglichkeit sich so überangepasst zu verhalten, dass alle fein mit dir sind. Das kann aber für dich nicht gut sein, den allen recht machen kann man es auch nicht.
Irgendwo dazwischen liegt der Spielraum. Stell dir die Grenze zur Manie nicht als eine feine Trennlinie vor, sondern als eine Doppellinie, zwischen der du dich bewegen kannst.
Ist es für dich okay, im Schlafanzug vor die Tür zu gehen? Dann mach es. Bei Notfällen, in denen dich der Rettungswagen holt (zB wegen kardialer Probleme), sagt niemand etwas dagegen. Der Kontext ordnet ein, ob das Verhalten okay ist.
("Bizarre Kleidung" gilt als eines der Symptome für eine Manie, das ich persönlich für Quatsch halte. Wenn man ausschließlich danach geht, müsste man an Karneval alle Jecken einsperren.)
Meine Mutter würde nie in der Jogginghose nach draußen gehen. Sehr lange habe ich mich sehr sklavisch daran gehalten, draußen immer eine Jeans anzuziehen. Aber jetzt, wo ich deutlich sichtbar behindert bin, erlaube ich mir das, zum Arzt oder zum Einkaufen auch einfach die Jogginghose anzulassen, weil ich mir das Umziehen spare, was für mich einfach auch zu anstrengend ist und gerade beim Arzt muss ich ja oft ohnehin schon wieder die Hosen runterlassen und das ist ja dann auch einfacher mit weiter Kleidung.
Für die Gesellschaft zählt also nur das Verhalten, das von außen erkenntlich ist, um festzustellen: So geht es aber nicht.
Für dich ist es aber wichtig, auch das wahrzunehmen und einzuordnen, das nur du selbst erkennen kannst, und was Leuten nicht als ungewöhnlich auffallen würde, die dich noch nicht kennen. Ich war hypomanisch bei einem Vorstellungsgespräch bei einer Psychologin und wurde eingestellt. Sie dachte einfach, ich bin halt so.
Pläne schmieden an sich ist nichts Schlimmes. Wichtig ist: Inwiefern stellt es eine Veränderung gegenüber der letzten Zeit dar?
Kommst du gerade aus einer depressiven Episode ist es ein gutes Zeichen, wenn du dir wieder etwas vornimmst. Es zeigt ja, dass der Antriebsmangel vorbei ist.
Nun ist gerade dann die Gefahr eines Switches in die Manie groß.
Ohne vorhergehende Depression, wenn du vorher stabil warst und dann plötzlich die vielen tollen Ideen kommen, die du am liebsten alle sofort umsetzen willst oder gleich umsetzt (fehlende Impulskontrolle), dann solltest du hellhörig werden, das wäre ein Anzeichen einer (Hypo)Manie.
Ich hab Jahre gebraucht, das alles einordnen zu können und ich bin auch 4 Jahre mit Olanzapin auf Bedarf (was ich jedes Mal zu spät genommen hab, aus Eitelkeit heraus, ohne Hilfe zurechtzukommen) als einziges Medikament rumgelaufen und war immer wieder in der Klinik. Nur dadurch habe ich ein so sicheres Gefühl für meine Grenzen entwickeln können.
Ich möchte nicht empfehlen, das nachzumachen. Ich will sagen, dass es aus meiner Sicht nicht anders als durch Selbstbeobachtung und Ausprobieren gehen kann.
Vielleicht kann es helfen, wenn du dir diesen Okay-Spielraum zwischen den beiden gedachten Linien als Spektrum vorstellst und mal aufschreibst, was du dir selbst durchgehen lassen würdest und was nicht mehr.
Zum Beispiel Trinkgeld geben: 10% sind in Ordnung, aber 10 Euro wenn dir jemand nen Burger bringt zu viel. Bei welchem Betrag
würdest du sagen, dass dir dein eigenes Verhalten auffällt und du gegensteuern musst? 5 Euro für den Lieferanten?
Die Zahlen können für dich anders aussehen, ich kenne deinen Geldbeutel nicht.
Innere Unruhe lässt sich nicht in Zahlen ausdrücken, aber die kann auch sehr extrem sein oder kaum wahrnehmbar. Irgendwo dazwischen musst du die Reißleine ziehen.
Besser spüren lernen, dass ich überhaupt angespannt bin, dazu hat mir Muskelrelaxation nach Jacobson verholfen.
Ideen und Pläne durchzählen macht sicher keinen Sinn. Es geht darum, die Tendenz wahrzunehmen und in Relation zu setzen.
Und überlege mal, ob dir noch irgendetwas auffällt, das (weit) vor deinen Manien auftritt, was bei meiner Liste jetzt nicht dabei war. Die ist ja keinesfalls abschließend.
Oft gibt es irgendwann einen Auslöser und in der Zeit danach häufen sich dann die Anzeichen, bis die Manie irgendwann voll da ist. Manche Manien treten aber auch ohne Auslöser auf.
Bei meiner ersten Manie, die mich in die Klinik führte, war mein Onkel gestorben und ich hab die Nächte in der Disco verbracht. Konnte nicht schlafen und anstatt zu weinen musste ich unwillkürlich lachen.
O-Ton mein damaliger Therapeut, den ich aufgesucht hatte, weil ich das nicht verstand: "Seien Sie doch froh, dass Sie keine Depression haben." Dh da war es alles noch im Rahmen, obwohl ich es schon gespürt habe, dass etwas nicht stimmt. Er sagte aber auch (sinngemäß): "Lithium ist bei bipolarer Störung der Goldstandard. Damit Sie das schon mal gehört haben, falls es das ist."
Es gibt keinen klaren Wendepunkt, an dem es zu einer Episode wird. Es ist ein Prozess, der da reinführt.
Es gibt nur einen klaren Punkt, ab dem du die Kontrolle verlierst und alleine nicht wieder rausfindest. Der ist da, wo das Gefühl auftaucht, nicht krank zu sein und die Gedanken, die Medikamente nicht zu brauchen und keine Hilfe zu wollen. Solange du noch nur zweifelst und einfach unsicher bist, ob das wirklich sein kann, dass du so krank bist, und noch in Betracht ziehst, dass es sinnvoll sein kann, weiter die Medis nehmen zu müssen, hast du noch einen Fuß auf dem Boden der Realität.
Aber diese Zweifel sind bei mir ein dickes, fettes Warnsignal und ich spreche dann jedes Mal mit meiner Ärztin und sag ihr, dass ich runterdosieren will und sie sagt jedes Mal, warten wir mal die Laborwerte ab.
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Psychisch stabil, kardial unausgeglichen
Pronomen: er, Baujahr 80, GdB 50, voll erwerbsgemindert, berufsunfähig, Pflegegrad 4
Diagnosen:08/2016 bipolare Störung, 03/2019 Psoriasisarthritis, 10/2021 Schlafapnoe, 05/24 Herzinsuffizienz + rezidiv. Herzrhythmusstörungen
Medis: Valpro 500mg 1-0-1-0 und Valpro 300mg 0-0-1-0 u.v.m.
Es sind die Begegnungen mit Menschen, die das Leben lebenswert machen.