Re: Alkohol

01. 08. 2026 17:34
Meines zweiter „Jubiläums-Trockengeburtstags“ nach erneuten 10 Jahren „Trocken- bzw. Nüchternheit“.

Zu Einleitung ein Zitat von Erich Kästner:
„Die Erinnerung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um. Wer das was schön war, vergisst, wird böse. Wer das was schlimm war, vergisst, wird dumm.

Im Juli 2026 hatte ich meinen „10ten Jubiläums-Trockengeburtstag“.
Eigentlich halte ich nichts von Trockengeburtstagen, da für mich, auch nach der nun schon wieder 10-jährigen Nüchternheit, jeder Tag ein Trockengeburtstag ist, an dem ich nüchtern erwache.
Alkohol – und Alkoholsucht sind meine Lebensthemen, bzw. Lebensaufgaben geworden. Es begann bereits Ende der 1978, als ich meine Ausbildung zum Krankenpfleger begann. Ich konnte und durfte mich intensiver mit dem Thema Alkoholsuch auseinandersetzen, weil es Teil meines täglichen Berufs- und Alltags wurde.
Heute, im Jahr 2026, ergibt sich daher nun mein fast 50-jähriges „Alkohol-Jubiläum“ zu diesem Thema.

Meinen ersten bewussten Genuss von Alkohol hatte ich auf dem Polterabend meiner großen Schwester – „Schneegestöber“ …. Und scheinbar war ich ab da schon auf den „Geschmack“ gekommen.
Erst mein „Onkel Paul“ machte meine Eltern darauf aufmerksam, dass meine kleine Schwester und ich bereits das 3. oder 4. Glas „Schneegestöber“ trinken wollten …

Später schlich sich der regelmäßige Gebrauch des Suchtstoffs Alkohol in Form von Bier als „Belohnung“ in mein Leben ein.
Regelmäßig wurde es dann in der katholischen Jugendgruppe. Der Gruppenleiter war Trinker und suchte für seine Trinkgesellschaft nach den Gruppenabenden Teilnehmer, um sich in geselliger Runde betrinken zu können. Ich (bzw. wir) wurden dann häufig von ihm eingeladen und er übernahm dann für mich (uns) die Zeche … Später nahm er sich in Folge der Trennungstreitigkeiten von seiner Partnerin das Leben durch Verkehrsunfall ….

Dann wurde das regelmäßige betrinken auf allen erdenklichen „Feierlichkeiten“ zur Regel. Anfangs nur an den Wochenenden und auf Disco-Besuchen im Jugendkreis, auf Schüler-Discos im kirchlichen Umfeld usw.
In unserer Familie gab es „eigentlich“ keinen täglichen Alkoholkonsum. Zumindest nicht offensichtlich. Es wurde meistens nur zu „besonderen Anlässen“ Alkohol ausgeschenkt.
Bei mir steigerte es sich dann vom Wochen-end-lichen Konsum zum täglichen Konsum während der Bundeswehrzeit. Nach Dienstschluss blieb nur eine echte, bezahlbare Gelegenheit der geselligen Freizeitgestaltung: Das Mannschaftsheim. So, wie bei fast allen Soldaten, wurde das Feierabend-Bier“chen“ zum täglichen Begleiter.

Diese „Tradition“ behielt ich dann auch im Zivilleben bei. Abends, nach dem Dienst – „Bierchen trinken“! Erst eins, dann zwei, dann drei, …. Zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit (daher ja auch das Wort „Gelegenheitstrinker“) trank ich Bier, Sekt oder Wein äußerst selten Schnaps. „Mein“ Standartgetränk war Bier.
Nach der Verlobung und Hochzeit wurde auch der offene Gebrauch von Alkohol zur alltäglichen, gesellschaftlichen geduldeten Routine. Mein Schwieger-Vater war Arzt und starker Trinker. In Gesellschaften betrank er sich regelmäßig bis zur Volltrunkenheit. Meine Schwiegermutter, die auch sehr „Trinkfest“ war, durfte ihn dann regelmäßig nach Hause karren. Diese Familientradition behielt ich in meiner Ehe bei. Ich fuhr uns beide zur Gesellschaft, betrank mich dann toleriert und meine Ex durfte uns dann nach Hause fahren …
Alkohol war dann mein täglicher Begleiter, Tröster oder Entspannungsgehilfe.
Langsam, aber stetig, steigerte sich mein Bierkonsum merklich „unmerklich“, bis er immer öfter zu Belastung der ehelichen Beziehung wurde. Alkohol, Koffein und Tabak-„Konsum“ steigerten sich, die Probleme in der Beziehung auch, was wiederum eine Steigerung der Suchtmittel nach sich zog.
Ich will jetzt hier nicht alles in Einzelheiten ausschmücken.
Letztendlich kam es zur Trennung und Scheidung. Und hierdurch konnte ich (endlich) in meiner eigenen Wohnung die Versuche starten und meine Süchte bekämpfen.
Anfangs suchte ich möglichst schnell neue Beziehungen … die alle sehr schnell wieder scheiterten. Später dann kamen meine ernsthaften Anstrengungen dazu, endlich, endlich, endlich mit dem Trinken aufzuhören …

Ich habe 3 „QE´s“ hinter mir, und mehre Aufenthalte in der Akut-Psychiatrie. Bei diesen Aufenthalten entpuppte sich dann auch noch meine „Bipolar-Affektive-Störung“ als Komorbidität.

So läßt sich ein etwas differenzierteres Bild zeichnen. Ich behandelte meine Stimmungschwankungen unwissentlich mit Alkohol und Nikotin und Koffein, wodurch sich dann meine Stimmungen zusätzlich ausprägten – ein Circulus vitiosus, also ein Teufelskreis.

Als Teufelskreis oder Abwärtsspirale, gelegentlich auch lateinisch circulus vitiosus ‚fehlerhafter oder verkehrter Kreis‘, wird ein System bezeichnet, in dem mehrere Faktoren sich gegenseitig verstärken (positive Rückkopplung) und so einen Zustand immer weiter verschlechtern.

All mein medizinisches Wissen half mir allerdings so lange nicht, bis ich allein für mich erkennen musste, dass dieser Teufelskreis nur von mir allein durchbrochen werden kann. Es dauerte ganze 5 Rückfälle, bis ich endlich in der Lage war langfristig, zufrieden trocken und nüchtern zu werden.
Die „Heilung“, das heißt der Stillstand meiner Süchte, wurde zur Basis meiner „Heilung“ der „Bipolar-Affektiven-Störung“.

Ich gebrauche in diesem Zusammenhang gerne das „Gleichnis“ von dem Kranken der sowohl „Läuse“ als auch „Flöhe“ hatte. Beide Leiden konnten nicht zugleich behandelt werden, da das Mittel gegen die Flöhe, das Mittel gegen die Läuse neutralisierte und umgekehrt. Es ging nur eins- nach dem anderen.

Heute darf ich nun wieder auf 10-Jahre Trocken- bzw. Nüchternheit zurückblicken.
Ich hatte schon einmal ein „10-Jähriges“ … bis zum Rückfall. … nun hoffe und bete ich, dass es nicht erneut zu einem Unfall kommen mag. Ich bin derzeit sehr mit meinem Leben zufrieden.

Meine Stabilität verdanke ich meiner Spiritualität, meiner Nüchternheit in einer verrückten Welt und meines Heilungswegs in AA.
Ohne AA hätte ich die Rückfälle niemals behandeln können.
AA hatte mich jedes Mal aufgefangen und zur Trockenheit und Nüchternheit begleitet.
Die 12 Schritte sind eine absolut empfehlenswerte Richtschnur zur Erfüllung.
Ohne sie wäre ich sicherlich ein verzweifelter Trinker geblieben.
Durch sie aber wurde ich nüchtern!
Und diese Nüchternheit will ich mir bewahren, solange es auch nur irgendwie geht.
Du schaffst es nur allein, aber allein schaffst du es nicht! Das ist die Quintessenz von AA.
AA kann dir nur eins geben: Die Trockenheit!
Und alles, was danach kommt ist Zugabe.

Diese Zugabe war die Einsicht in meine Bipolare-Störung neben meinen Süchten.
Erst kam die Erkenntnis, dann das Verständnis und dann kam die "Heilung" - das sich darauf Einlassen was mir meine Ärztin rät.
Die Bipolare-Störung ist gut behandelbar, aber eben nur ohne Suchtstoffe.

Heute bin ich dankbar, demütig und bescheiden, was materielle Dinge angeht. Ich habe über den Weg in AA zu mir gefunden und fand in AA den Weg zum Miteinander zurück. Wenn AA mich braucht, bin ich für AA da! Wenn AA mich nicht braucht, darf ich AA genießen ohne etwas zu müssen!
Zwei Worte verbanne ich nach Möglichkeit aus meinem Sprachgebrauch: Müssen & Sollen! Und so wird es bleiben – wenn ich daran denke und danach handle. Heute wünsche ich mir ein suchtfreies Leben und will alles tun, damit es auch so bleibt.
Die einzige Voraussetzung für die Zugehörigkeit in AA ist der Wunsch, mit dem Trinken aufhören zu wollen.


Ich danke für das Lesen.

Sinuskurver

Ich Danke für´s lesen.

Sinuskurver

Das Ziel des Lebens ist im Gleichgewicht zu sein.

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