Re: Wie war es bei Euch kurz bevor und während der medikamentösen Einstellung

19. 03. 2026 11:19
Hallo Basti,

auch ich hatte beide Diagnosen, Bipolar-II mit Ultra Ultra Rapid Cycling und Autismus, wobei sich die Diagnose der Bipolar-II-Störung als falsch herausgestellt hat. Ich bin wohl eher unipolar depressiv. Und eindeutig autistisch. Ich trage eine Genmutation, die das auslöst, aber das wussten wir lange nicht. Deshalb ist die Autismus-Diagnose unstrittig, das ist bei dieser Mutation immer so.

Das mit dem Rapid Cycling war bei mir sehr interessant… Autisten haben, das wirst du wissen, häufig Probleme mit einem holistischen, also ganzheitlichen Denkstil. Sie sehen vor allem Details (was auch eine große Stärke sein kann, etwa in meinem Beruf als Informatiker). So geht es auch mir. Wenn man nur Details sieht, kann es – so war es bei mir, das heißt aber nicht, dass das bei dir auch so ist – zu Fehleinschätzungen der Stimmung kommen. Wenn man kein Gesamtbild über einen oder mehrere Tage bilden kann, dann sieht alles nach Rapid Cycling aus – und die Ärzte glauben einem das auch bereitwillig. Weil man nur die Details sieht und sie sehr gut beschreiben kann. Ich habe kein Rapid Cycling, aber bis heute erscheint es mir manchmal so, als ob doch… Ich kann nur aus eigener leidvoller Erfahrung vor Rapid-Cycling-Diagnosen bei Autisten warnen. Das sollte man sehr gut objektiv absichern, also durch einen echten Blick von außen, etwa in einer Klinik, nicht nur durch ein persönliches Gespräch mit einem Psychiater. Du schreibst etwas von 4 Wochen… sei vorsichtig mit vorschnellen Diagnosen.

Es gibt – auch das wirst du und die meisten hier wissen – psychische Erkrankungen, die gut auf Medikamente ansprechen, und welche, die besser auf Psychotherapie ansprechen. Man trifft zwar da draußen immer mal wieder Menschen, die behaupten, Psychotherapie oder Medikamente seien die Lösung für alles oder das eine sei immer wichtiger als das andere, aber das ist ja unseriös. Das hängt vom Patienten, von der Lebenssituation und von der Erkrankung ab. Ich vermag mir gut vorzustellen, dass jemand, der wegen einer Schilddrüsenunterfunktion depressiv ist, mit Medikamenten (Schilddrüsenhormonen) symptomfrei wird, besonders, wenn er es nicht lange war (wobei man jetzt darüber streiten kann, ob man das überhaupt "psychische Erkrankung" nennt), aber jemand, der etwa einen Zwang hat, ohne Psychotherapie nicht zurechtkommen wird. Und natürlich gibt es ein breites Spektrum an Erkrankungen, bei denen beides sinnvoll ist, allen voran solche Erkrankungen wie Schizophrenie (wenn es die überhaupt gibt, das Konzept ist ja in Auflösung begriffen), Depressionen und vielleicht (!) auch bipolare affektive Erkrankungen. Dass Autismus nicht wirklich medikamentös behandelt werden kann, wirst du auch wissen, und vielleicht auch, dass es immerhin Versuche einer Hilfe mit Medikamenten gibt – zum Beispiel Aripiprazol gegen die Reizüberflutung, was meiner eigenen Erfahrung nach mehr schlecht als recht funktioniert.

Du hast nach persönlichen Erfahrungen gefragt. Meine persönliche Erfahrung ist, dass Autisten und auch ich auf Themen verengen können. Man nennt das auch Spezialinteresse, aber so ausgeprägt muss es gar nicht sein, ich habe immer mehrere Themen, auf die ich mich sehr konzentriere, und das kann auch wechseln (Manche behaupten, das könne es bei Autisten nicht. Das ist Unsinn.). Das hängt auch unter anderem mit der Detailwahrnehmung zusammen. Bei bipolar erkrankten Autisten – so würde ich einfach mal behaupten – ist das Risiko groß, dass sie auf Medikamente verengen. Die Medikamente sind bei einer bipolaren affektiven Störung ja auch wichtig. Ich würde dir trotzdem wünschen, dass du meinen Fehler, die Medikamente zum Spezialinteresse zu machen, nicht wiederholst. Es hilft einem nicht. Alles in Maßen.

Du fragst nach der richtigen Medikamentenkombination und nach persönlichen Erfahrungen dazu. Zwei Gedanken:

Was ist die "richtige" Medikamentenkombination? Die, mit der man völlig symptomfrei wird und "so wie früher", falls es ein Früher gab, oder "so wie alle anderen"? Ich glaube, und da kann ich falsch liegen, dass es eine solche Medikamentenkombination nur in seltenen Fällen überhaupt gibt. Es mag den einen oder anderen Bipolaren geben, der, zum Beispiel, unter Lithium phasenfrei wird. Ich habe ein paar Patienten im Kopf, denen das gelungen ist, auch hier im Forum (nicht notwendigerweise mit Lithium). Aber dass das die Regel ist, wage ich zu bezweifeln. Medikamente sind in vielen Fällen eher Hilfe als Lösung. Es ist einfach oft nicht so, dass es die Medikamentenkombination gibt, unter der alles einfach so gut wird. Und man muss aufpassen, dass man den Moment, in dem man optimal oder nahezu optimal eingestellt ist, nicht verpasst. Was ich meine: Wenn man die Phasenfreiheit oder die Symptomfreiheit zum Ziel erhebt, dann kann man unter Umständen ewig neue Medikamente ausprobieren, weil man die nie erreichen wird. Dann kann es einem passieren, dass man eine gute Hilfe hat (eine 80-%-Lösung), und diese Lösung wegwirft, weil es nicht 100 % sind. Und dann eine andere Lösung probiert, die aber am Ende womöglich schlechter ist. Mein persönlicher Rat: Verabschiede dich von der Vorstellung, dass es eine Medikamentenkombination gibt, die wie ein Schlüssel ins Schloss passt. Meine persönliche Meinung: Das ist selten. Wenn es dann doch passiert, ist das schön, aber ich würde dem nicht verzweifelt hinterherjagen. Das kannst du sonst dein Leben lang tun.

Du fragst, wie lange es bei uns gedauert hat, bis die richtige Kombination an Medikamenten gefunden wurde. Unterstellst du dabei, dass es eine Kombination gibt, die dann endgültig ist, die man sein Leben lang nimmt? Auch da: Das mag es geben, aber die Erfahrung vieler Patienten ist, dass die Medikamente immer wieder an veränderte Bedingungen angepasst werden müssen, hoffentlich im Abstand von mehreren Jahren, aber eben doch. Auch nach Jahren noch. Bei mir hat es bis zum Durchbruch 34 Lebensjahre gedauert. Bei mir war der Durchbruch die – zutreffende – Autismus-Diagnose, es war also ein psychotherapeutischer Durchbruch. Heute geht es mir gut. Ich habe, unter anderem weil ich die Medikamente zu meinem Spezialinteresse gemacht habe, sehr, sehr viele Medikamente genommen, über 40 (!) Kombinationen, teils in exorbitant hohen Dosierungen. So lange hat es also bei mir gedauert.

Ich nehme immer noch Medikamente, es geht nicht ohne. Ich werde sonst zu schwer depressiv, bis zur Elektrokrampftherapie runter. Aber ich habe mich von der Vorstellung, dass es eine Therapie gibt, die alles löst, verabschiedet. Die optimale Therapie ist für mich nicht die Therapie, die alles löst, sondern die, die mir gut hilft. Denk dran, dass Autisten auch manchmal Schwarz-Weiß-denken… Das ist nicht hilfreich, denn am Ende ist es ein bisschen grau…



Huch, jetzt habe ich viel geschrieben. Sorry. Ich höre mal mittendrin auf.

Ach, eine Sache noch: Es gibt einen Verein, ähnlich wie die DGBS, aber eher von Betroffenen als von Ärzten, der sich mit Autismus beschäftigt: Aspies e.V. Die haben auch ein sehr, sehr gutes Selbsthilfeforum im Internet. Schau doch mal vorbei. :)

Viele Grüße

otacon

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Wie war es bei Euch kurz bevor und während der medikamentösen Einstellung

Basti82 1112 18. 03. 2026 20:15

Re: Wie war es bei Euch kurz bevor und während der medikamentösen Einstellung

Hotte 320 18. 03. 2026 21:52

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otacon 259 19. 03. 2026 11:19

Re: Wie war es bei Euch kurz bevor und während der medikamentösen Einstellung

Basti82 282 19. 03. 2026 15:58

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dogfantasy 218 21. 03. 2026 12:29

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VanGogh 215 21. 03. 2026 21:19

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dogfantasy 228 21. 03. 2026 23:24

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MadameX 208 22. 03. 2026 20:35

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dogfantasy 183 23. 03. 2026 01:48

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MadameX 182 23. 03. 2026 14:06

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dogfantasy 183 23. 03. 2026 16:45

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MadameX 200 23. 03. 2026 19:57

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DF81 214 27. 03. 2026 14:29

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Basti82 328 29. 03. 2026 17:26



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