Hallo zusammen,
ich lese hier schon eine Weile mit und möchte mich heute selbst einmal melden.
Ich bin aktuell in einer Klinik und beschäftige mich dort intensiv mit dem Thema bipolare Störung. Zum ersten Mal wurde diese Diagnose mir im Frühjahr 2025 klar benannt. Der Weg dorthin war allerdings etwas verworren, weshalb mich bis heute beschäftigt, wer diese Diagnose eigentlich wann gestellt hat.
Zur Einordnung:
Ich war über mehrere Jahre bei einem Psychiater, der mittlerweile in Rente ist. Nach einem Umzug habe ich zu einer anderen Psychiaterin gewechselt, die einen ausführlichen Überweisungsbrief erhalten hatte. Auch sie ging nach etwa zwei Jahren in Rente. Danach war ich über mehrere Jahre bei ihrem Nachfolger, allerdings eher selten — meist nur dann, wenn es mir wirklich schlecht ging oder Medikamente angepasst werden mussten.
Anfang 2025 war dieser Psychiater im Urlaub, und ich war deshalb bei einer Vertretungspsychiaterin im selben Haus. Nach diesem Termin habe ich selbst gefragt, ob ich dauerhaft bei ihr bleiben kann. Seitdem bin ich bei ihr in Behandlung. In diesem Zusammenhang hat sie mir dann erstmals die Diagnose „bipolare Störung“ klar gesagt. Das hat mich ehrlich gesagt völlig umgehauen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass wir diese Diagnose gemeinsam neu erarbeitet haben, sondern eher, dass sie bereits „da“ war. Bis heute frage ich mich deshalb, wer sie ursprünglich gestellt hat und warum sie mir erst jetzt so deutlich benannt wurde.
Für mich war „bipolar“ lange gleichbedeutend mit schwerer Manie — also Dinge wie alles verkaufen, völlig den Bezug verlieren. Erst als ich mich intensiver mit Hypomanie und Bipolar II beschäftigt habe, begann plötzlich ein sehr großer Teil meines Lebens Sinn zu ergeben.
Ich kenne seit vielen Jahren stark aktivierte Phasen, die oft durch bestimmte Trigger ausgelöst werden. Dann fühlt es sich an, als würde im Brustbereich ein innerer Vulkan angehen. Ich verfolge plötzlich extrem fokussiert ein bestimmtes Ziel, es gibt kein links und rechts mehr. Ich bin sehr leistungsfähig, erledige in kurzer Zeit Dinge, für die andere Wochen brauchen, habe mehr Selbstbewusstsein und gebe oft auch mehr Geld aus, als ich eigentlich habe. Gleichzeitig habe ich kein dauerhaftes Redebedürfnis und auch kein Gefühl von „niemand kann mich stoppen“. Wenn mich jemand bremst oder nicht mein Tempo halten kann, empfinde ich das aber als extrem schwer und reagiere innerlich sehr gereizt.
Ich nehme seit vielen Jahren Quetiapin, weshalb ich nicht sicher sagen kann, wie mein Schlaf ohne Medikamente wäre. Abschalten im Bett gelingt mir aber grundsätzlich nicht. Die aktivierten Phasen fühlen sich zunächst oft aufregend an, fast so, als wäre ich endlich „ich“. Nach einiger Zeit kippen sie jedoch fast immer in starke Erschöpfung. Ich schlafe dann sehr viel, das Ziel verliert komplett an Bedeutung und Anschaffungen aus dieser Zeit habe ich häufig direkt wieder verkauft.
Seit etwa anderthalb Jahren haben diese Phasen bei mir kaum noch etwas Positives. Sie sind zunehmend von Negativität, innerer Aggressivität und verbaler Gereiztheit geprägt. Im vergangenen Sommer gab es noch einmal einen sehr starken „Ich will endlich wieder leben“-Moment, der in sehr impulsives Verhalten mündete. Danach kam der komplette Einbruch. Dieses Mal blieb jedoch eine massive innere Unruhe bestehen, die einfach nicht mehr wegging.
Ich wurde immer impulsiver, wollte nur noch Ordnung, habe mein Zimmer fast klinisch leergeräumt. Bestimmte Reize haben mich extrem überfordert, und es kamen sehr dunkle, impulsive Gedanken auf, die mir große Angst gemacht haben.
Da diese innere Unruhe nicht mehr verschwand und mir schon länger zu einer stationären Behandlung geraten worden war, bin ich schließlich in die Klinik gegangen. Hier habe ich offen gesagt, dass mich die Diagnose bipolar verunsichert und dass ich herausfinden möchte, ob sie wirklich zutrifft. Gleichzeitig wird sie von der Therapeutin oft ganz selbstverständlich benannt, fast so, als wäre sie längst klar. Das bringt mich immer wieder ins Zweifeln — weniger, ob etwas nicht stimmt, sondern was genau und wie sicher diese Einordnung ist.
Rational weiß ich, dass das Label vielleicht nicht das Wichtigste ist. Trotzdem wünsche ich mir Klarheit und frage mich, ob andere ähnliche Zweifel oder einen ähnlichen Weg mit ihrer Diagnose hatten.
Danke fürs Lesen.