Hallo,
eine bipolare Störung kann sich im Laufe des Lebens durchaus verändern.
Dafür gibt es viele Umstände, die dies bewirken können. Insbesondere neue Lebensphasen mit hormonellen Umstellungen, anderen Familien- und Berufssituationen, Lebensalter und -erfahrung selbst und auch die Art der Medikamente, die zur Behandlung benutzt werden, sowie die Dauer dieser Behandlungs- oder Nichtbehandlungsphasen.
Ob etwas in Typ 1 oder Typ 2 eingeordnet wird, hängt letztendlich auch von den jeweils gültigen Symptomkatalogen, die zur Diagnose verwendet werden, sowie der Interpretation des Arztes, und u.U. auch der Offenheit des Betroffenen gegenüber den Behandlern ab.
Bipolare neigen dazu, ihre Symptome und Lebensgeschichte zu verharmlosen, weil sie ihnen vertraut und natürlich vorkommen.
De facto handelt es sich bei der bipolaren Störung um ein Sammelsurium von Symptombildern in allen möglichen Stärkegraden, und die Einteilung in Typ 1- ... 4 (je nachdem, wen man fragt) bzw. zyklothym oder unipolar ist mehr oder weniger willkürlich und hat nichts mit biologischen Sachverhalten zu tun, sondern mit den Vorteilen für eine Behandlung. Die tatsächlichen Wirkmechanismen sind ja weiterhin weitgehend unbekannt, die Behandlung auch eher unspezifisch mit oft breitbandig wirkenden Medikamenten, die rein symptomorientiert abläuft.
In den USA werden wiederkehrende unipolare Depressionen z.B. oft genauso wie bipolare Störungen behandelt. Jules Angst z.B. hat auch die These aufgestellt, dass aus wiederkehrenden unipolaren Depressionen mit der Zeit bipolare Störungen werden.
Inwiefern medikamentöse Behandlung überhaupt die darunterliegende Störung beeinflusst, ist ebenfalls ein weites Feld. Lithium z.B. verändert die Störung so, dass bei Absetzen nach langer Behandlungsdauer die Symptome stärker wiederkehren, als wenn die Störung unbehandelt geblieben wäre.
Andererseits gehen auch viele Fachleute davon aus, dass die Krankheit unbehandelt automatisch stärker wird.
Allerdings gibt es für viele Thesen eben auch keine hinreichenden wissenschaftlichen Beweise, weil es dafür einer sehr langwierigen Studienbeobachtungszeit bedarf, die in der Praxis nur sehr schwer möglich ist. Da viele Kausalitäten unbekannt sind, ließe sich selbst dann schwer sagen, welche Faktoren letztendlich bei solchen Veränderungen ausschlaggebend sind.
Ich würde versuchen, mir später einen niedergelassenen Psychiater zu suchen, der eine erneute Diagnose macht, da der Verdacht auf eine bipolare Störung, evtl. mit psychotischen Phasen oder Spitzen, vorliegt. Die Suche nach jemandem, bei dem du dich ernst genommen fühlst, kann langwierig sein, aber lass dich nicht abschrecken - diese Erkrankungen behält man im Normalfall ein Leben lang. Zeit ist also relativ ...
Alles Gute erstmal, und mache dir keine zu großen Sorgen, denn selbst eine teilweise Behandlung ist immer noch besser als keine. Meistens. Begibt dich nur so schnell wie möglich in Behandlung, wenn du merkst, dass eine Hochphase oder psychotische Symptome einsetzen. Nutze auch die Rückmeldungen anderer über dein Verhalten dazu. Ich meine damit nicht permanente Selbstanalyse, aber schreib dir auf, wie die Hochphase bei dir angefangen hat, wie die psychotischen Symptome angefangen haben, und achte auf diese frühen Vorwarnzeichen, die können bei jedem anders gelagert sein. Mit der Zeit wirst du dann ein klareres Bild haben, wie sowas bei dir abläuft. Werde zum Spezialisten für deine eigene Krankheit.
Liebe Grüße,
M.