Ich habe gegen eine ausgeprägte Bipolar-1-Störung mit starker familiärer Vorbelastung und 2 Jahrzehnten ohne jegliche Diagnose oder Behandlung Quetiapin 6,5 Jahre durchgehend eingenommen, 300 mg retard, bei Bedarf auch 600 mg und mehr.
Ab einem gewissen Punkt habe ich Bupropion als Antidepressivum zusätzlich ausprobiert, mit gutem Erfolg, dadurch hat sich im Prinzip durch teilweise paradoxe Wirkungen auch eine zusätzliche ADS-Diagnose bestätigt, die ich aber offiziell nie habe stellen lassen, da dafür hier ein Krankenhausaufenthalt unabdingbar wäre, was für mich keinerlei Vorteile oder Änderungen zur Folge hätte. (Das Bupropion wäre eh das Mittel der Wahl dagegen.)
Das Absetzen von Quetiapin hatte die vorhersehbaren Folgen.
Schlafverhalten änderte sich rapide. Affekte kehren zurück, nach oben wie unten, anfangs bin ich hin und wieder reingegrätscht mit 150-300 mg retard oder einer oder mehr 25 mg unretardiertem Quetiapin oder Bromazepam nach Bedarf. Dazu muss man sagen, dass ich sehr früh eingreife, wenn ich merke, dass sich etwas in Richtung Manie bewegt, nach 1 bis spätestens 3 Tagen. Ich bin grundsätzlich freiwillig in Behandlung gekommen und wurde nie zwangsbehandelt und habe deswegen keinerlei Probleme damit, selbstverantwortlich und früh Phasen abzufangen, was mir bei Hochphasen gut gelingt, da sie sich schnell entwickeln, bei Depressionen jedoch immer eher heikel, da sie sich langsam einschleichen.
Ich hatte denkbar wenig Trigger, keine familiäre Belastungssituation, alleinlebend, berentet, keinerlei sonstige Verpflichtungen.
Das Leben unter Quetiapin war einfach und einförmig. Leider hat es mir auch dauerhaft Kreativität genommen, ich konnte während der Zeit kein Instrument spielen und war vorher leidenschaftlicher Musiker. Dies kehrte nach Absetzen zurück.
Ich halte es für gefährlich, jede Art von Medikation zu ändern, die etwas deckeln oder auffangen soll (Neuroleptika genauso wie Antidepressiva), wenn man sich nicht völlig bewusst ist, was das bedeutet, und wenn man nicht sicher ist, ob man zuverlässig frühestmöglich beim Entstehen von Phasen Rückmeldungen aus dem Umfeld bekommt und selbständig in der Lage ist, notfallmäßig medikamentös gegenzusteuern.
Ich habe bis heute Quetiapin retardiert und unretardiert in Griffweite, zusätzlich auch Bromazepam, und zögere nicht, bei Bedarf diese auch zu nutzen.
Man muss sich immer des Risikos einer Medikamentenänderung bewusst sein. Ich hatte mehr als 2 Jahrzehnte freifliegendes, bipolares Leben hinter mir, bevor ich in Behandlung kam, also mehr als genug Erfahrung damit, was alles passieren kann, wenn man eine Bipolar-1-Störung hat. Regelmäßige Manien und schwere Depressionen, wenige und sehr kurze phasenfreie Zeiten, psychotische Spitzen, immer wieder auch existenzbedrohende Krisen, lange Zeiten mit suizidalen Gedanken, oft täglich. Da erlangt man eine gewisse Kompetenz zum Überleben ...
Ohne einen Leidensdruck durch die schon starken Einschränkungen durch das Quetiapin und ohne meinen Hintergrund mit der Erfahrung, was alles auf mich zukommen kann, hätte ich deutlich mehr gezögert, das Quetiapin als Dauermedi abzusetzen.
Heute nehme ich Gabapentin als Hauptmedikament, da ich festgestellt habe, dass es mehr noch als bei Cluster-Kopfschmerz bei mir positiv stimmungsregulierend wirkt. Das war eher ein Zufalls-Glückstreffer. Wirkt bei mir deutlich als Stimmungsstabilisator nach oben wie unten.
Ich habe immer wieder Jahre ohne Medikation gehabt - diese sind anstrengend und ich war jedesmal froh, wenn ich wieder in eine wirkende Medikation zurückgekehrt bin.
Man muss auf alles gefasst sein. Manisch-depressiv bleibt manisch-depressiv, da beißt die Maus keinen Faden ab.
Auch, wenn du noch Lithium als Stimmungsregulierer im Hintergrund hast - eine Medikation ist immer im Ganzen zu sehen, wenn man an wirksamen Medis dreht, wird sich auch was verändern. Wie weit, das kann man nur sehen, wenn es passiert. Vorbereitet sein ist alles. Gute Selbstbeobachtung, regelmäßige Rückmeldungen über das eigene Verhalten von anderen, am besten anderen Betroffenen, soziales Netz und wenig Belastungen in den Übergangsphasen, Notfallmedis in Griffweite, und immer die Möglichkeit, wieder zurückzukehren (was bei Quetiapin sehr einfach ist, im Gegensatz zu vielen anderen Medis) - mehr kann man da nicht machen.
Ich wünsche dir alles Gute.
Liebe Grüße,
M.