Meine Geschichte zum Mut machen

06. 10. 2021 14:42
Hallo ihr Lieben,

Ich bin neu hier und möchte gerne einen Text mit euch teilen, der meine Erfahrung beinhaltet und hoffentlich dem ein oder anderen auch etwas Kraft und Zuversicht spenden kann. Viel Spaß beim Lesen. Vielleicht habt ihr ja auch Lust mir zurück zu melden, ob ihr auch ähnliche Erlebnisse hattet, dann fühle ich mich auch etwas weniger allein ;-)

Euer Neuling Sternschanze

An alle Menschen, die ab und an strugglen. Das Gleichgewicht verlieren.
An Menschen, die sich hilfesuchend an unser System gewannt haben, die Diagnosen haben, und jetzt vielleicht denken, nicht in Ordnung zu sein. Vielleicht auch an Menschen ohne Diagnosen, die versuchen alles hinzukriegen und sich manchmal unzureichend fühlen. Oder denken, nicht normal zu sein.
Ich schreibe das auch für junge Leute, die vor den Wirren des Lebens stehen, sich im Spiegel anschauen und denken: WTF. What the fuck. Was mach ich hier? Wer bin ich?
Wenn ich ganz ehrlich bin, schreibe ich das hier auch für mich.

Ich möchte mich erst einmal vorstellen:
Weiblich, 29, Dorfmensch mit zwischenzeitlich städtischen Ambitionen. Die nette Nachbarin von nebenan, die Eier und Milch raus gibt, wenn man fragt. Verheiratet, ein Kind. Sandkasten und Schaukel im Garten. Ein Saugroboter, der gerade durchläuft.
Gedichte in der Schublade und Selbstgemaltes an der Wand.

Ich hab mit 10 Jahren angefangen zu schreiben. Meinen Freundinnen alles vorgelesen und geträumt Schriftstellerin zu werden.
Ich geriet in ein Loch, hatte Probleme Zuhause und Stress in der Schule. War dann die Teenagerin, die im 14. Lebensjahr angefangen hat, sich die Haut aufzuritzen. Es ist schwer zu erinnern warum. Eine Mischung, bzw. eigentlich ein Widerspruch, aus emotionalen Schmerz, den ich versuchte umzulenken und ein Leeregefühl, welches ich ausfüllen wollte.
Der erste Freund. Sich minderjährig reinschmuggeln in die Disco. Das Kennenlernen meines damals besten Freundes und jetzigen Mannes. Abiabbruch, der Druck war zu groß. Meine hohe Messlatte stand mir im Weg. Arbeit im Jugendcafé, die Frage wo‘s beruflich hingehen soll. Und wer ich bin. Partys, Dreads, dann wieder keine Dreads. Das Hingezogen fühlen zu anderen Mädchen. Und zu Jungs. Was für eine Verwirrung.
Einmal habe ich mich ohne Erlaubnis in ein Zug gesetzt und bin nach Süddeutschland runter gefahren, um da meiner Flamme nachzujagen. Kam enttäuscht wieder.
Zog in meine erste eigene Wohnung.
Kam meinem besten Freund näher, meiner großen Liebe.
Verlor aber auch meinen Ausbildungsplatz zur Restaurantfachfrau. Schlug mich durch, zu stolz, um bei den Eltern anzurufen. Beantwortete Formular für Formular und ging mit 2€ einkaufen, weil der Hartz4 Antrag noch nicht bewilligt war. Bauernbrot für 60 cent, Frühlingsquark 45 cent.
Nachdem ich meinen zweiten Ausbildungsplatz verlor und das Leeregefühl zurück kam, diagnostizierte mein Hausarzt eine posttraumatische Belastungsstörung. Ein erster stationärer Aufenthalt folgte.

Puh, das war schon ein ganz schöner Absatz. Ich versuch‘s kurz zu halten, es folgten weitere Klinikaufenthalte, teilweise waren die Erlebnisse creepy, ich litt unter psychotischen Abdriftungen und Depressionen im Wechsel.
Ein kleiner Exkurs, denn Psychosen sind wirklich schwer nachvollziehbar. Ich möchte es aber versuchen, euch das Ganze näher zu bringen. Zuerst kommt das Gedankenkreisen, das kennen denke ich viele. Man zermartert sich den Kopf, über die Oma die gestorben ist und was man ihr eigentlich noch sagen wollte, irgendeinen Streit mit Kollegen/ Familie/ Freunde, der To-Do und dann ist da auf einmal Punkt 2: Der Schlafentzug. Irgendwann fühlt man sich wie besoffen. Und jetzt kommt die Psychose. Es ist wie Träumen. Irgendjemand spricht deine Gedanken laut aus, hat aber in Wirklichkeit nichts gesagt. Du hast Eingebungen, das und das tun zu müssen oder etwas Besonderes zu wissen. Fühlst dich vielleicht auch verfolgt. Mir kommt es manchmal so vor, als vergisst das Gehirn vor lauter Überforderung zu filtern und zu sortieren. Und auf einmal siehst du Dinge, die da nicht sind (und das ein oder andere ist da vielleicht doch und die veränderte Wahrnehmung macht es möglich tiefer zu gehen, wer weiß). Aber die fehlenden Filter öffnen auch alle Deckel und der Fußgänger hinter dir beschimpft dich und macht dir Angst weil DU dir Angst machst, weil deine eingerosteten Glaubenssätze in dieser Psychose auf einmal so präsent werden, dass sie laut werden in Form von Stimmen hören und was noch alles. Das kann ein richtiger Horrortrip sein.
Oder auch pushen, wenn man das Gefühl hat Hilfe zu bekommen und Jesus zu begegnen. In meiner zweiten Psychose fühlte ich mich auf einmal ganz sicher durch die göttliche Unterstützung. Schlimm war es trotzdem. Vor allem für die Angehörigen, die mich als „wach Träumenden“ nicht mehr erreichen konnten.

Depressionen sind etwas ganz anderes.
Auf den ersten Blick könnte man annehmen, sie wären einfacher. In meinen Depressionen war ich ansprechbar, hatte einen klaren Realitätsbezug. Und doch wieder nicht.
Meine Welt war ohne Farben, ohne Gefühle. Es gab auch keine Trauer oder Wut, da war nur dieses Nichts. Wie das Nichts aus der unendlichen Geschichte, einem Buch von Michael Ende. In seiner Geschichte geht es um ein Nichts, welches sich ausbreitet, die Akteure können es aber nicht anschauen. Ihre Augen können es nicht ertragen ins Nichts zu blicken.
Das ist eine Depression für mich.
Gestand mir mein Mann seine Liebe, konnte ich es nicht spüren. Alles war bedeutungslos und jede Depression fühlte sich an wie für immer.

Zum Glück habe ich inzwischen mithilfe meiner Erfahrung an Halt gewonnen. Ich WEIß inzwischen um die zeitliche Begrenzung, ich habe sie verinnerlicht, und diese Gewissheit trägt mich durch jeden noch so schlimmen Gedanken. Ich habe sooft erfahren, dass eine Depression NICHT für immer andauert, dass ich mich selbst in einer solchen Phase darauf verlasse und mich daran festhalten kann.
Und dann wärmen die ersten Sonnenstrahlen mein Gesicht. Sie taten es schon die ganze Zeit, aber auf einmal sickert ein klein wenig von diesem Licht durch meine Haut, statt an den Mauern der Krankheit abzuprallen. Tag für Tag wird es besser.
Eines Morgens wärmt das Licht wieder mein Herz.

Ich weiß nicht, warum du das hier liest. Vielleicht machst du gerade jetzt etwas durch oder hast etwas Prägendes erlebt. Vielleicht kennst du jemanden, dem du helfen möchtest. Egal, warum du meine Geschichte liest, ich möchte eigentlich nur sagen:
Du BIST nicht das, was dir passiert. Du erlebst es und musst es irgendwie händeln. Du bist damit nicht allein. Ich wünsche mir für dich, dass du an deinen Erfahrungen wächst. Genauso wie du da jetzt sitzt und das hier liest, unabhängig davon welchen Weg du gehst, bist du wunderschön.
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Meine Geschichte zum Mut machen

Sternschanze 935 06. 10. 2021 14:42

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dry 247 06. 10. 2021 16:36

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Susa 192 06. 10. 2021 22:34

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Sternschanze 157 07. 10. 2021 08:15

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dry 136 07. 10. 2021 14:06

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Sternschanze 105 07. 10. 2021 17:05

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Gedankenregen 117 07. 10. 2021 17:04

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Sternschanze 115 07. 10. 2021 17:39

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FLYHIGH 84 08. 10. 2021 18:17

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Sternschanze 77 09. 10. 2021 11:56

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FLYHIGH 109 09. 10. 2021 12:49

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Sternschanze 76 09. 10. 2021 20:13

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Bohumil 66 18. 10. 2021 01:45

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Sternschanze 53 18. 10. 2021 08:53

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Bohumil 61 18. 10. 2021 12:28

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Sternschanze 76 18. 10. 2021 21:12

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Balu76 125 07. 10. 2021 21:26

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Sternschanze 140 07. 10. 2021 22:06

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Sternschanze 107 08. 10. 2021 11:14

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Balu76 130 10. 10. 2021 15:58

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Eisbaer 108 11. 10. 2021 10:28

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Sternschanze 117 12. 10. 2021 19:59



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