Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

28. 08. 2021 16:30
Hallo ihr,

Ich befinde mich in einem Gefühlschaos aus Scham, Wut, Ohnmacht, Selbstzweifel, Enttäuschung, Traurigkeit, Schmerz.

Ich hatte einen alleinstehenden (keine Kinder, keine Partnerin), höflichen, feinfühligen und empathischen Mann kennengelernt und bin eine Affäre mit ihm eingegangen. Ich wusste vorerst nichts von seiner Erkrankung. Mir fiel durchaus auf, dass sein Wesen ein paar verhaltensoriginelle Züge aufwies, aber nichts, was meiner Meinung nach aus dem Rahmen fiel. Ohnehin mag ich Menschen mit etwas skurrilen Charakterzügen.

Nach einigen Wochen erzählte er mir, dass er als bipolar, mit Phasen leicht angehobener Stimmung und solchen, in denen es ihm schlechter ginge, diagnostiziert, aber medikamentös eingestellt sei und auch einmal wöchentlich zu einer Psychotherapie gehe. Ich habe mir deswegen überhaupt keinen Kopf gemacht und der Erkrankung keine weitere Bedeutung beigemessen, da er doch "normal" schien, verantwortungsvoll, und auch einen anspruchsvollen Beruf ausübt. Überhaupt, dachte ich: eine "echte" bipolare Manie ist doch, wenn man phantastische, erleuchtete Wahnideen hat und tausende von Euro zum Fenster rausschmeisst (leider ist ein entfernter Verwandter von mir in dieser Weise erkrankt).

Dann fing eine Phase an, in der er sich ein paar Mal nicht meldete (wir haben uns bis dahin täglich über WA geschrieben) und ab und zu plötzliche, mir unerklärliche Stimmungsschwankungen hatte. Manchesmal fand er mich den einen Tag toll und hat Ausflüge mit mir geplant bzw unternommen. Den anderen Tag fand er mich unangenehm und aufdringlich und wollte die Sache beenden.
Einmal brach er unvermittelt in Tränen aus und erzählte, wie sehr er unter extremen Ängsten leide, die ihm ein normales und erfülltes Leben verunmöglichen: vor der Bestrafung durch seinen Chef, falls ihm ein Fehler in seiner Arbeit unterlaufen sollte (er arbeitete abends sehr lange im Büro, weil er sicher gehen wollte, dass sein Arbeitsergebnis fehlerfrei ist); vor dem Tod einer nahen Verwandten, die ihn bisher sehr unterstützt; wie schwer es ihm oftmals fällt, morgens überhaupt aufzustehen; wie müde und erschöpft er sich oft fühlt.
Ein anderes Mal bin ich ohne Begründung unvermittelt nach Hause gegangen, weil sein Verhalten mich sehr gekränkt hat. Das hat wiederum ihn sehr tief verletzt, wie er es mir ein paar Tage später schrieb.

Ich habe unter den wechselnden Stimmungen, dem on-off mir gegenüber sehr gelitten, weil ich es mir nicht erklären konnte. In den "guten" Bereichen hatten wir ein "sunny side of life" und eine (so schien es) gegenseitige emotionalen Nähe und Vertrautheit. In den "schlechten" Bereichen wirkte er distanziert und kritisierte mich auf eine kalte, gemeine Weise. Mit seinem für mich nicht nachvollziehbaren Verhalten konfrontiert (ich war gerade wiedermal die Unangenehme, Nervige), erklärte er mir, so fühle es sich gerade in ihm an, seine Empfindung vom Vortag gelte heute nicht mehr.

Bald machte er endgültig Schluss (obwohl er mir kurz zuvor noch seine Wohnungsschlüssel geben wollte). Wir trafen uns zu einem letzten, klärenden Gespräch (wie man das unter Erwachsenen so macht, dachte ich) in dessen Verlauf er Dinge sagte, die mich brutal an meinen empfindlichsten Stellen trafen.

Ich war tagelang völlig erschüttert und schrieb ihm mehrere sehr aufgebrachte WA-Nachrichten, in denen ich ihm deswegen heftige Vorwürfe machte und ihm meine intimsten, verletzten, schmerzhaftesten Gefühle beschrieb.

ERST DANACH kam ich auf die Idee, mich eingehend über bipolare Störungen zu informieren. Ich habe in den vergangenen Tagen viele Informationstexte und Blogs, auch hier im Forum, darüber gelesen. Es fiel mir wie Schuppen von den Augen.
Im ersten Moment war ich extrem erleichtert, endlich eine Erklärung für die widersprüchlichen Verhaltensweisen erhalten zu haben, es fiel mir eine große Last von der Seele.

Jetzt aber schäme ich mich in Grund und Boden, dass ich so naiv war und die von Anfang an vorhandenen Anzeichen seiner Erkrankung nicht wahrhaben wollte.
Ich schäme mich so unendlich für meine aufgebrachten, anklagenden WA-Nachrichten und wie ich darin meine verletzten Gefühle offenbart hatte.
Ich schäme mich so sehr, dass ich für diesen Menschen, den ich als feinfühlig, aufmerksam, liebevoll und empathisch kennenzulernen geglaubt hatte, den ich aufrichtig mochte und wertschätzte, offenkundig nur irgendeine seiner Erkrankung geschuldeten sexuellen Eroberungen war.
Ich schäme mich zutiefst dafür, dass ich mich durch seine poetischen Schwärmereien umschmeicheln ließ und tatsächlich glaubte, dass meine Person gemeint und gewertschätzt würde.
Ich schäme mich so sehr dafür, dass ich strunzendoof an einer für mich toxischen Verbindung festgehalten habe und das alles mit mir habe machen lassen, ohne selbst die Reißleine zu ziehen.

Obwohl ich auch wütend darüber bin so verletzt worden zu sein, besorgt mich gleichzeitig, dass meine schweren WA-Vorwürfe ihn beschämen und verletzen könnten, wenn er wieder "zur Besinnung kommt".
Mir macht auch zu schaffen, dass ich ihn trotz meiner Wut und Scham nach wie vor für einen im Grunde liebenswerten, empathischen Menschen halte.
Ist das noch normal von mir oder überschreitet das das Maß einer gesunden Selbstachtung?

In der Rückschau erscheint mir der gesamte Zeitabschnitt vergiftet und entwertet. Trotzdem trauere ich den "schönen" Zeiten nach, die in dieser Weise ja wohl gar nicht existiert haben.
Ich habe im Nachhinein keine Möglichkeit herauszufinden, wann mir in seinem wechselhaften Verhalten die Wahrheit gesagt wurde, und wann gelogen. Und in welchem Moment die eigentliche Person, und wann die Krankheit agiert hat, falls man das überhaupt unterscheiden kann. Vermutlich sind solche Kategorien in diesem Kontext auch völlig sinnlos.

Ich komme mir vor wie in einer dieser Rätselaufgaben gefangen: Person A lügt immer, Person B sagt immer die Wahrheit, Person C lügt manchmal, manchmal sagt sie die Wahrheit. Finde die wahre Geschichte heraus!

Es quält mich, dass ich mir das Geschehene nicht durch eine logische, rationale Analyse begreifbar machen und aufarbeiten kann. Ich bin in meinem Inneren zutiefst verstört, verunsichert, mißtrauisch meinen eigenen Wahrnehmungen gegenüber und habe meinen inneren Kompass verloren.

Wie ist eure Einschätzung? Was ratet ihr mir, um aus meinem Gefühlschaos herauszukommen und das Geschehene verarbeiten zu können?
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Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Aomame 809 28. 08. 2021 16:30

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung

Lichtblick 289 28. 08. 2021 16:44

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung

Aomame 256 28. 08. 2021 18:34

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Midori 221 29. 08. 2021 05:34

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

turtle 170 29. 08. 2021 08:47

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Turicum 159 29. 08. 2021 10:55

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Milla 158 29. 08. 2021 11:08

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Aomame 184 29. 08. 2021 19:18

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Alicia 188 29. 08. 2021 14:24

Re: Aomama & Admins

soulvision 157 30. 08. 2021 11:21

Re: Aomama & Admins

VanGogh 137 30. 08. 2021 11:29

Re: Aomama & Admins

FLYHIGH 133 30. 08. 2021 12:12

Re: Affäre mit einem Mann mit bipolarer Erkrankung - Ich schäme mich so unendlich.

Skandal 199 30. 08. 2021 12:19



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