Re: @Friday&zyklothym

29. 09. 2020 19:47
Hallo,

Quote

wie du Friday habe auch ich diese Zeiten noch miterlebt in einer großen Psychiatrie am Stadtrand mit vielen Häusern, in denen sowohl psychisch Erkrankte behandelt wurden, wie auch geistig Behinderte, manchmal auch mit gemischten Diagnosen und Langzeitpatienten untergebracht waren. In einem großen Raum der Arbeitstherapie begegneten wir uns. Den Hospitalismus in verschiedenen Ausprägungen zu sehen, war schon sehr belastend für schwer Depressive und andere, aber er war dabei und zu sehen.

Nur mal so als kleine Anmerkung: Genau solche Psychiatrien gibt es heute noch. Ich war jedenfalls schonmal in genau so einer, wie du es hier beschreibst und das war 2012. Das ist also noch nicht "ausgestorben". Ich kann mir aber vorstellen, dass Hospitalismus evtl. heute da nicht so ausgeprägt ist wie früher, bzw. einfach seltener vorkommt.

Dennoch:
Waisenheim und Krankenhaus bieten auch heute noch meist keine ausreichende psychosoziale Unterstützung, z.B. durch fehlendes und wechselndes, jedoch auch unqualifiziertes Personal. (übrigens ein Auszug aus Wikipedia - Stichwort Hospitalismus ;)) Genau diese unzureichende psychosoziale Unterstützung kann auch Ursache von Hospitalismus sein. Hat man da keinen von "Haus" aus passiert das denke ich auch zu heutiger Zeit sehr schnell.

Ich finde die Darstellung auch etwas zu schwarz-weiß und stimme zyklothym in vielen Dingen zu. Im Artikel wird ja ausschließlich auf Patienten mit geistiger Behinderung eingegangen und nicht spezifisch auf schwere psychische Erkrankungen, so verstehe ich das jedenfalls. Nur mal noch eine andere Darstellung für Schizophrenie im Folgenden:

Ich habe auch schon eine Doku gesehen in denen Schizophrenie-Patienten einfach glücklich waren, dass sie damals behandelt wurden und nicht in dieser Zeit. Da es da Therapeuten gab, der diese Leute auch länger und häufig in der Klinik behandelten und lange begleiteten. Es war natürlich hart und selbst in der geschlossenen auch riskant gewesen. Weiß leider das Jahr nicht mehr in dem sie behandelt wurden, es war aber in den USA und definitiv vor 1980. Die 3 vorgestellten Patienten konnten nach sehr langem Psychiatrieaufenthalt ein normales Leben ohne Medikamente führen, ihre Ehepartner hatten nie gemerkt, dass sie krank waren. Damit das jetzt hier nicht Anti-psychiatrisch rüber kommt: da hat nie einer behauptet die wären geheilt oder die Bedeutung von Medikamenten in Frage gestellt. Bei einer kam es 1 Mal noch kurz zu Stimmen hören beim Bus fahren, aber sie wusste wie damit umzugehen ist und sie musste nie wieder behandelt werden. Ihre Begründung warum sie glücklich darüber waren damals in der Psychiatrie gewesen zu sein, ist natürlich nachvollziehbar, wenn sie die heutige Realität von sofortiger Behandlung mit Medikamenten sehen und das so gut wie in allen Fällen mit Dauerbehandlung ein Leben lang endet. Ich lasse mich gern korrigieren, wenn sich da einer im Fall der Schizophrenie besser auskennt. Naja, man kann auch nur von grauenhaften Psychiatrien aus der Vergangenheit berichten und sich mit Lobotomie und starker Hospitalisierung, Verwahrlosung und Verwahrung beschäftigen, aber ich finde man sollte auch die Missstände von heute nicht einfach ignorieren:

Ich bin der Meinung, dass vor allem für Psychotherapien in Kliniken einfach viel zu wenig Zeit genommen wird, auch und gerade für schwere Erkrankungen. Bei mir war das bei 100% meiner Klinikaufenthalte so. Das war zu einer Zeit früher sicher teilweise anders, da die Medikamente nicht existierten oder nicht so locker gesessen haben, bzw. evtl. Psychotherapeuten häufiger in Krankenhäusern anzutreffen waren oder mehr überzeugt davon waren mit Therapie etwas zu bewirken, aber da bin ich nicht sicher. Ohne jetzt direkt nach Zahlen zu gucken, liegt die Vermutung Nahe, dass es heute womöglich weniger unmedikamentierte Fälle mit guten Verläufen gibt, als es früher der Fall war. Sicher werden heute auch mehr Fälle erkannt und es wird auch mehr Patienten mit Medikamenten geholfen, als es früher der Fall war (allein schon weil es generell mehr gibt, bei denen Medikamente indiziert sind). Es gibt also auch Verbesserungen, aber heute bügelt man über alle die Medikamente drüber und viele, die evtl. ein Leben lang ohne auskommen könnten, können oder werden es einfach nie erfahren, weil es einfach keine wirklichen Alternativen/Lösungen/Behandlungen dafür in der Gesellschaft gibt, so ist das.

Da ich finde, dass das hier einen anti-psychiatrischen Touch hat, nochmal eine klare Abgrenzung: Ich habe nichts gegen Medikamente und nehme selbst welche :)

Gruß,
roobb
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Psychiatrie früher

Lichtblick 1107 27. 09. 2020 19:58

Re: Psychiatrie früher

zyklothym 294 28. 09. 2020 03:24

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Mania67 129 11. 10. 2020 06:04

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Friday 209 28. 09. 2020 12:32

Re: @Friday&zyklothym

soulvision 201 28. 09. 2020 18:54

Re: @Friday&zyklothym

roobb 187 29. 09. 2020 19:47

Schleifen auf Blätter malen

Lichtblick 219 28. 09. 2020 19:47

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harfe 117 11. 10. 2020 12:09

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bipolar2020 182 11. 10. 2020 21:02

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Genussmensch20 210 30. 10. 2020 15:50



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