Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

22. 09. 2020 19:57
Liebe Foris,

ich habe für Euch einen weiteren Bericht zu meinem Psychiatrieaufenhalt erstellt. Ich wurde gefragt, ob ich den Zwischenbericht länger machen kann. Ich habe dies getan. Vielleicht kann jemand mit dem Bericht etwas anfangen und sei es nur durch die Freude am lesen.Ich habe viel Mut aufbringen müssen, um in dieser literarischen Art diesen verhältnismäßig offenen Text zu veröffentlichen. Ich bin angespannt. Selbstverständlich könnt ihr jederzeit Fragen stellen.
Danke fürs lesen.


Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Ich sitze im „Gemeinschaftsraum“ von dem ein schmaler Weg ins „Raucherrefugium“ führt.Den ein oder anderen Dauer-Raucher erkennt man schon an einem gelblichen Finger.

Zu dritt schauen wir eine Tierdokumentation auf einem „betagten“ Fernseher mit acht Bedienungstasten an. Die Fernbedienung ist defekt. Es geht um Raubvögel. Das tut meiner geschundenen Seele gut. Mein Sitznachbar“ (P) auf dem Sofa kämpft gegen den Schlaf und blinzelt ständig um diesen Kampf nicht zu verlieren. Zu meiner linken Seite sitzt eine Frau (C.). Ihre Augen sind sehr unstet. Immer wieder steht sie auf und macht die Bewegungen des Falkners oder eines Raubvogels mit. Mich rührt das zutiefst und ich muss schon etwas gegen meine aufkommenden Tränen kämpfen.Ich mag solche Menschen.

Mir fällt da ein Liedtext von Reinhard Mey ein (alles lieb gemeint):

„Selig sind die Ver-rückten, die Ausgegrenzten, die Gebückten. Selig sind die an die Wand gedrückten.“

Inzwischen habe ich Therapiesitzungen hinter mir.Es war so weit alles in Ordnung. Leider, und das kann an mir liegen, war der Zugewinn überschaubar. Diese Erfahrung mache ich diesbezüglich nicht zum ersten Mal. Ich bin seit 2004 diagnostiziert und mir hat bis heute keine Therapie je etwas gebracht. Das ist schade und macht mich traurig.Was mache ich wohl falsch? Der Umgang mit mit meinen Mohrenkopfpapageien und meinem „Uralt-Kater“ Felix hat mir, und dies ist kein Witz oder Zynismus, mehr für mein Wohlbefinden und Gedankenfortschritt gebracht. Die Analyse der Krankheit und die Gegenmaßnahmen haben mir nichts gebracht. Dies ist kein Vorwurf an die Therapeuten.
Eines war interessant: Einer von zwei Therapeuten (Seine Brille war nicht entspiegelt, was für ein Gespräch wenig förderlich ist) redete mit mir über meine Kindheit. Da liegt wohl Analysepotenzial. Ich bin das Einzelkind bipolarer Eltern. Meine Eltern hatten eine unorthodoxe Auffassung von Kindererziehung. Dies äußerte sich auf vielfältige Weise. Häufig interessierte sich die Polizei für die Erziehungsmethoden meiner Eltern. Vielleicht bringt das was für die nächste Sitzung.

Über eine Woche ist ins Land gegangen. Ich lebe immer noch. Ich habe viele Gespräche geführt, habe sehr aufmerksam zugehört und habe dadurch teilweise fremde Welten und Schicksale erschlossen.
Ein Arzt (junger Mann) biegt gerade vom Stationsflur in den „Gemeinschaftsraum“ab. Er blickt kurz auf den Fernseher und sagt :“Das ist ja ein sehr interessantes Thema!“ Dabei beugt er sich, wer weiß warum, nach vorne und ihm fallen zwei Kugelschreiber (einer ohne Halteclip) aus dem langen Arztkittel, ein roter und ein grauer Stift. Er sammelt die Kugelschreiber ein und sagt :Noch viel Spaß beim Schauen.“
So freundlich war nicht jeder Arzt, jede Ärztin, Krankenschwester, Krankenpfleger.Teilweise geht es ruppig zu. Manch ein Stationsmitarbeiter /Stationsmitarbeiterin, läßt mich spüren, das ich der untergeordnete „Psycho“ bin, den man eh nicht ernst nehmen muss. Schlimm finde ich, wenn man Wertschätzung vorheuchelt. Na ja, auch dies ist menschlich und nachvollziehbar. Die meisten MitarbeiterInnen tun das alles natürlich nicht und sind menschlich sehr bemüht. Das finde ich sehr gut und imponiert mir sehr.
Wenn man auf die Station kommt, erblickt man an einer Tafel das Wort „STILLE“; das finde ich schön. Da steht nicht etwa „RUHE“. Das ist ein großer Unterschied!!!
Ich „wechsle bei solchen Situationen die Straßenseite.“ Dies ist bei Bipos besonders wichtig.Wehret den Anfängen! Denn sonst können die Dinge sich verselbstständigen und aus dem Ruder laufen. Ihr kennt dies unter Umständen. Währet den Anfängen. Die Dinge können schnell eskalieren und dann vollständig aus dem Ruder laufen.

Einer meiner „Lieblingspatienten“ ist M..Er sitzt immer zur gleichen Zeit am gleichen Ort.
Er dreht seinen Körper, fast wie ein Schlangenmensch nach rechts. Er ist Linkshänder. Ich bin zu ihm hingegangen und gefragt was er dort mache? M. sagte zu mir: „Ich beschäftige mich mit dem Weltklima. Zunächst dachte ich „Na ja.“ M. arbeitete vor seiner Erkrankung an einer deutschen Universität .Ich habe bisher nicht herausgefunden unter welcher Krankheit er leidet.

Gerade rasen meine Gedanken wieder. Ich versuche mich zur Ruhe zu zwingen, falls man das überhaupt kann. Warum beginnt dieses Gedankenrasen? Ich finde einfach keine Erklärung dafür. Ich drohe die Geduld mit mir selbst zu verlieren.
Von meinem heimischen Arzt habe ich Olanzapin bekommen. Einer der Ärzte auf dieser Station hat mir gesagt, dass er die Einnahme nicht unbedingt empfehlen würde, da ich auch Diabetiker bin.
Durch das Lithium hat sich auch meine Psoriasis sehr verstärkt.
Mir geht es seit Beginn des Stationsaufenthaltes nicht besser. Das macht mich traurig, aber vielleicht wäre es in dieser kurzen Zeit zu viel verlangt.
Ich sitze gerade in einer Ecke des Essensraums. Die Neonröhren an der Raumdecke werfen ein grelles und höchst unangenehmes Licht und immer wieder ist ein metallisches Klacken aus den Leuchtstoffröhren zu vernehmen Ich sitze hier, weil es ruhig ist und man einen guten Überblick hat.Da kommt M., wohl ein türkischer junger Mann. Er läuft wie ein „Zombie“ durch die Station. Er ist ein sehr sympathischer junger Mann. Es bricht mir fast das Herz einen Menschen so leiden zu sehen. Er sagte, dass er schwere Depressionen hat.

Ich versuche zu lesen. Die „schwere“ Literatur (Maaz Hans-Joachim: Das falsche Leben: Ursachen und Folgen unser normophatischen Gesellschaft ;CH Beck, lasse ich heute weg.Schon seit vielen Tagen versuche ich dieses Buch zu Ende zu lesen. Mit dem Autor habe ich ein Interview gehört. Er sagt hochinteressante Punkte bezüglich Corona und unserer Gesellschaft. Für heute habe ich „Asterix - Das Geschenk Cäsar“ herausgesucht. Das mag vielleicht albern klingen, aber das tut mir gut.Ich habe alle Asterix-Bände.

Ich habe gerade viele Panikattacken. Am frühen Morgen habe ich immer furchtbare Depressionen. Grauenhaft. Ich bin geistig wie hinter einer Milchglasscheibe, wie in Watte gepackt. Die Sorge, momentan v.a. um mein Tochter, droht mich manchmal total fertig zu machen.Im Verlaufe des Tages wird es dann besser.Ich verzweifle daran, dass bei mir einfach kein Medikament hilft. Ich freue mich immer wenn ich im Forum lese, dass jemand seine Medikamente „gefunden“ hat. Was mache ich falsch? Wie ist das möglich, dass KEIN Medikament und KEIN Medikamentenmix hilft ?

Ich mache jetzt, wie jeden Tag, einen Rundgang durch die Station. Dabei treffe ich W.Er ist 60 Jahre und hat viele, lange Klinikaufenthalte durchgemacht. Er würde gerne verrentet werden glaubt aber keine Erfolgsaussichten zu haben. Für mich ist W. eine Schlüsselfigur. Er verkriecht sich immer in die Ecken der Station. W ist gerne alleine. Trotzdem ist er sehr freundlich, wenn man das Gespräch mit ihm sucht. Er ist der beste Zuhörer den ich kennengelernt habe. Beeindruckend!
W ist an der bipolaren Störung Typ 1 erkrankt.: „Ich habe in einer Manie alles zerstört.Die Krankheit hat mein Leben restlos abgerissen.Es war wie eine Feuerwalze.“ Er sagt, dass beruflicher Stress ihn hat abstürzen lassen. Er blickt mich mit leeren Augen an.
Er erzählte mir von seinen ,ihm nun erlernten Tipps für seine berufliche Arbeitsweise, die ich sehr interessant finde:


• Hic et nunc" - hier und jetzt, Dinge nicht lange anstehen lassen
• keep it small and simple" - halte es klein und einfach, nichts unnötig aufblasen;
• toujours assez - jamais trop" - immer genug, aber nie zu viel, das rechte Maß der Dinge finden
• allegro, ma non troppo" - fröhlich, aber nicht allzu sehr, weder die Freuden noch den Ernst des Lebens aus dem Auge verlieren.

Wir unterhielten uns über unsere Berufe. Es war ein gutes Gespräch.

Gerade ist mein Gehirn komplett heruntergefahren. Ich kann mich nicht einmal auf die Handlung des Asterixheftes konzentrieren. Ich schaue mit leerem Blick auf die weiße, leere Tischplatte , in der sich die Neonröhren von der Decke spiegeln. Die große Uhr an der Wand zieht gnadenlos ihre Bahnen. Warum bleiben bei solchen Uhren der Zeiger vor der 12 kurz stehen?
Trotzdem versuche ich optimistisch zu sein und gehe meinen Weg weiter.
Gerade bekomme ich eine WhatsApp Nachricht. Mein Sohn hat mir ein Bild von unserem Kater Felix gesendet, unser Familienheld.Wie immer ist mein junger Mann kurz, sehr kurz angebunden.
Meine Frau ist MEINE Heldin. Ohne sie wäre alles zerbrochen. Ich mag die philosophische Gruppe der Stoiker. Mir scheint, dass ich eine Stoikerin geheiratet habe. Verdient habe ich sie auf keinen Fall.

Jetzt schaue ich noch in mein Aphorismenbuch um nach dem heutigen Spruch zu schauen:

„Man wird wie das, was im eigenen Sinn und Denken herrscht – das ist das immerwährende Geheimnis.“ (Upanishaden)

Ich bin sprachlos.

Es dämmert und die Autos auf den Parkplätzen werden von orange leuchtenden Laternen angestrahlt.

Gebt niemals die Menschlichkeit preis.
„Bitte seid Menschen“ (Holocaust-Überlebende)
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Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Frankkk 821 22. 09. 2020 19:57

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Statler 163 22. 09. 2020 20:39

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Frankkk 138 22. 09. 2020 20:46

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

fünkchen 137 22. 09. 2020 21:05

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Frankkk 137 22. 09. 2020 21:15

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

fünkchen 140 22. 09. 2020 21:32

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Gedankenwelt75 128 22. 09. 2020 21:27

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Frankkk 111 23. 09. 2020 07:23

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Gedankenwelt75 111 23. 09. 2020 09:33

@ Frankkk

Deborah 150 23. 09. 2020 07:37

Re: @ Frankkk

Mexx55 138 23. 09. 2020 09:34

Re: @ Frankkk

Frankkk 116 23. 09. 2020 10:43

Re: @ Frankkk

Frankkk 126 23. 09. 2020 10:52

Frank am Mittwoch

Frankkk 140 23. 09. 2020 11:14

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

Milla 134 23. 09. 2020 15:24

Re: Du hast hingeschaut, aber du hast es nicht gesehen.

fluuu2 221 24. 09. 2020 10:47



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