Ein neues Forenmitglied stellt sich vor

26. 08. 2020 16:46
Erst mal ein kurzes, aber herzliches Hallo an alle Leidensgenossen, Angehörigen und Interessierten!

Ich habe das Forum das erste mal glaube ich so ca 2005/2006 als stiller Mitleser, auf Empfehlung meines damaligen Arztes, kennengelernt.
Vor wenigen Wochen wurde dieses mir wieder in's Gedächtnis gerufen und ich habe mit Erstaunen, Begeisterung und "Anteilnahme" so einige Beiträge gelesen.
Da ich den Austausch mit Betroffenen auch als eine Art der Therapie betrachte, diesen auf jeden Fall als sinnvoll erachte, habe ich mich dann doch entschlossen, mich diesem Erfahrungsaustausch anzuschließen.
Denn wenn man mitdiskutiert hilft man nicht nur sich, sondern auch anderen. So viel zu meinen Beweggründen, mich hier auch mal miteinzubringen.

Nun möchte ich mich, bzw. meine Krankheitsgeschichte aber erst einmal vorstellen. Ich hoffe, dass ich nicht allzu ausufernd werde.

Ich bin männlich, geboren 1979 und nach einigen, aber eher leichten Verhaltensauffälligkeiten, trat die BS 1997 mit einem Suizidversuch erst richtig in Erscheinung.
Ich befand mich damals in einem Schulwechsel (Realschule -> Gymnasium) als die Depression mich überrollte.
Ich sah mein noch junges Leben in der Gosse enden. Nichts erreicht im Leben, auf einfach allen Ebenen gescheitert. Der Begriff Depression war mir zu der Zeit völlig fremd. Ich habe sehr dezent auf mich aufmerksam gemacht, leider zu dezent, so kam es, für mich damals unausweichlich, zum Suizidversuch.
Ich entschied mich in dieser folgenschweren Nacht für den Kampf, welcher allgemein als Leben bezeichnet wird, mit all seinen Facetten.
Als mich am nächsten Vormittag eine Psychaterin und Therapeutin fragte, ob ich noch an Suizid denken würde musste ich dies bejahen und so kam ich das erste mal in stationäre Behandlung.
Als noch junger Erwachsener hätte ich auch in die Jugendpsychiatrie gepasst, doch man entschied mich zusammen mit den älteren psychisch Erkankten, den Erfahrenen (ich nenne diese, mich mit eingeschlossen, Psychos) unterzubringen.
Man fragte mich, ob ich Drogen genommen hätte, worauf ich zugab, dass ich hie und da mal kiffte. Man schob dann auch meinen Suizidversuch auf den "Drogenmissbrauch". Ein älterer Pfleger sagte, dass dies Quatsch sei, und die Kifferei damit nichts zu tun hätte und irgendwie hatte er Recht. Kiffen ist nicht förderlich für psychisch Erkrankte, aber auch Ärzte bescheinigten mir später, dass kiffen wohl keine Depression auslöst, aber eine Manie natürlich sehr gut befeuern kann.
Komischerweise genas ich damals komplett ohne AD oder sonstige Medikamente. Ich erlangte meine gesunde "Scheißegaleinstellung" zurück und dies brachte mich wenigstens bis zum Abi, wenn auch nur zur Teilnahme an diesem ;-)
1999 zur Zeit der totalen Sonnenfinsternis hatte ich dann meine erste Manie. Ganz wenig Schlaf, abstruse Gedanken, Phantasien und eine Energie, welche ich absolut nicht kanalisieren konnte, brachten mich dann zum zweiten mal in die Psych.
Das ganze hatte dann auch psychotische Züge. Nach einem kleinen Zwischenfall auf Station wurde ich mit einer Spritze Haldol vorerst ruhig gestellt, zwei weitere Spritzen folgten und dann stellte sich heraus, dass ich zu den 5% gehöre, welche dieses Mittel nicht verträgt. Starke Lähmungserscheinungen und Erstickungsgefühle waren die Folge. Ein Muskelrelaxans brachte aber rasche Linderung.
In der Folge wurde ich mit Zyprexa behandelt, welches damals noch relativ neu auf dem Markt war. Ich verließ die Klinik mit 10mg Olanzapin. Dieses Mittel war lange Jahre mein mehr oder minder ständiger Begleiter. Ich war einige Jahre mit 2,5mg stabil.
Rückblickend kann ich mich nicht daran erinnern, dass ich nach meiner ersten Manie eine Folgedepression hatte. Höchstens eine sehr leichte.
2002, mittlerweile in der Lehre zum Buchhändler hatte ich dann meine 2. Manie. Hans Dampf in allen Gassen verprasste ich eine gute Stange Geld und es entwickelte sich auch wieder eine kleine Psychose. Komischerweise suchte ich freiwillig den Kontakt zur Klinik, als wenn eine fremde Hand mich dorthin geführt hätte, um mich vor größerem Schaden zu bewahren.
Dort unterhielt ich mich mit einem jungen Arzt, welcher dann zum ersten mal die Diagnose BS stellte. Ich erreichte nach wenigen Wochen wieder realistischen Boden, verließ die Klinik wieder eingestellt auf 10mg Olanzapin.
Dann war ich lange Jahre stabil, schloss erfolgreich meine Lehre zum Buchhändler ab, und begann 2003 ein Studium zum Wirtschaftsingenieur, welches sich bis 2009 hinzog, allerdings ohne Abschluss (aber einigen Scheinen, immerhin ;-) )
2009 begann ich dann eine Ausbildung zum Elektriker. Aufgrund meiner Vorbildung startete ich wenigstens schon im 2. Lehrjahr. Mit 30 wieder die Schulbank, zusammen mit Heranwachsenden, zu drücken, war eine ganz eigene Herausforderung.
2010 hatte ich dann wieder eine Manie, aber bevor es ganz schlimm wurde, lotsten mich mein kleiner Bruder und mein bester Kumpel geschickt in die Klinik. Mal wieder das selbe Prozedere, die Manie mit allen Mitteln "runterknüppeln" funktionierte recht gut. Ich weiss nicht, was sie mir alles verabreicht hatten, um zur Ruhe zu kommen, doch war es eines Tages so weit, dass ich im Schwesternzimmer zusammenbrach. Ich erinnere mich noch, dass man mich mit dem Bett über den Flur rollte und alle sehr aufgeregt hin und her liefen und ein Arzt "EKG" fragend in die Runde warf, was mit einem "Was sollen wir denn mit nem EKG" erwidert wurde.
Fast 3 Tage später wurde ich in einem anderen Zimmer wach, ohne jegliche Erinnerung. Für mich war das die krasseste und negativste Erfahrung in der Psychiatrie überhaupt. Dieses ausgeliefertsein. Ich empfand die damalige Situation irgendwie als Nahtoderfahrung. Ob's übertrieben ist? Keine Ahnung!
Ich wurde wieder mit meiner Standardmedikation von 10mg Olanzapin entlassen.
Ich zog die Abschlussprüfung vor und bestand sie 2011 erfolgreich. Im selben Jahr zog ich mit meiner damaligen Freundin zusammen und arbeitete fortan als Freileitungsmonteur in meinem Ausbildungsbetrieb.
Meine damalige Freundin kaufte sich 2012 ein Haus, welches ich tatkräftig mitrenovierte. Zwischenzeitlich begann ich in der Instandhaltung bei einem Industrieunternehmen auf Schicht zu arbeiten.
2013 war dann mit der damaligen Freundin Schluss. Ich fühlte mich ziemlich verarscht, zog das erste mal alleine in eine Wohnung und setzte das Olanzapin langsam ab. Es war schon sehr heftig von den Absetzerscheinungen her. Tatsächlich war ich 4,5 Jahre medikamentenfrei, aber nicht frei von Symptomen. Es war ein ständiges hin und her zwischen Hypomanien und leichten bis mittelschweren Depressionen. Es war ein riesen Glück, dass ich das halbwegs gut überstanden habe, ohne ein riesen Scherbenhaufen hinterlassen zu haben. Es war wohl die bewegendste Zeit meines Lebens.
2015 lernte ich nach diversen kleineren Beziehungen meine jetzige Frau kennen.
2016 zogen wir in eine gemeinsame Wohnung und ich begann wieder in meinem alten Ausbildungsbetrieb als Handwerker Mo-Fr zu arbeiten.
2017 kauften wir zusammen ein Haus, welches wir bis Sommer 2019 renovierten und seitdem drin wohnen.
Februar/ März 2018 kam dann der Totalabsturz in eine schwere Depression mit Klinikaufenthalt. Seit dem werde ich wieder mit Psychopharmaka behandelt. Ich finde kaum meine "Mitte". Es ist seit dem ein Schwanken zwischen Hypomanie und Depression. Zwischendurch natürlich ein paar wenige Tage/Wochen mit adäquater Stimmungslage. Die depressive Seite hält aber die Überhand.
Die letzte vermeintlich gute, längere Phase, April bis Juli diesen Jahres stellte sich auch als eine Hypomanie heraus. Dies habe ich mir tatsächlich erst vor ca 2 Wochen richtig eingestanden, nachdem ich viel in diesem Forum herumgestöbert habe und von den vielen Beiträgen lernen durfte.
Ich muss mir eingestehen, dass es ein Trugschluss ist, die Krankheit ohne Medikamente beherrschen zu können.
Man kann wie ich Glück haben und 4,5 Jahre ohne größere Ab- und "Aufstürze" erleben, aber es liegt dann nicht mehr in der eigenen Hand, wie sich das ganze, befeuert durch exogene Effekte, entwickelt.
Ich habe sogar in den 4,5 Jahren relativ häufig gekifft. Immer mit Pausen, um mir nicht eingestehen zu müssen, dass eventuell eine Abhängigkeit vorliegt. Habe sogar gedacht, dass Gras meine rasenden Gedanken beruhigt und mir beim Schlafen hilft. Seit 2018 bin ich aber davon weg, die Gefahr, dass eine Manie oder gar Psychose aus dem Konsum eines nicht klar dosierbaren Naturprodukt resultiert, ist einfach zu hoch.
Es ist schon sehr zermürbend, wenn man so lange um die eigene Mitte herumtangiert. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.
Von April bis Juli nahm ich 150mg Elontril morgens und 25mg Quetiapin unretardiert Abends. Wie gesagt, war das Resultat eine dezente Hypomanie. Seit Juli dann wieder leicht depressiv. Meine Ärztin ging dann mit dem Elontril hoch auf 300mg ohne Erfolg. Jetzt lassen wir das Elontril bei 300mg und gehen sukzessive mit dem Quetiapin in 50mg Schritten pro Woche hoch, allerdings retardiert. Bin jetzt bei 100mg, es soll ja etwas höher dosiert einen antidepressiven Effekt haben!?!
Mittlerweile fühle ich mich gut, noch nicht 100% aber ich sehe einen Lichtblick. Das Quetiapin lässt mich zwar schlecht aus dem Bett kommen und ich habe mittlerweile Tinitus, aber ansonsten ist es, was die Nebenwirkungen angeht echt aushaltbar.
Ich habe nur Angst, dass ich wieder über die Mitte hinaus in die nächste Hypomanie schieße.
Im Januar werde ich Vater und bis dahin möchte ich mich endlich wieder gesund um die Mittellinie herum bewegen.
So, das wäre dann die "kurze" Vorstellung. Irgendwie wusste ich, dass es nicht bei 'nem 10zeiler bleiben würde, Entschuldigung dafür...
Es wäre gut, wenn ich hier nicht nur als "kurz aufflammendes Streichholz" in Erscheinung trete, wie es jemand treffend hier im Forum formuliert hat.
Wenn ich jemanden mit meiner Story irgendwie erreichen konnte, so hat sich meine Vorstellung schon gelohnt.

In diesem Sinne, seid Lieb zueinander und auf einen guten und regen Austausch,

Lomming
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Lomming 486 26. 08. 2020 16:46

Re: Ein neues Forenmitglied stellt sich vor

Nil 143 26. 08. 2020 17:23

Re: Ein neues Forenmitglied stellt sich vor

Lomming 123 26. 08. 2020 18:19

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FLYHIGH 135 26. 08. 2020 18:27

Re: Ein neues Forenmitglied stellt sich vor

Lomming 110 26. 08. 2020 23:31

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Skandal 104 27. 08. 2020 12:40

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Lomming 73 27. 08. 2020 20:58

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blended73 108 27. 08. 2020 13:54

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Lomming 94 27. 08. 2020 21:03

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Milla 131 28. 08. 2020 06:31



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