Komme nicht aus dem Loch

11. 06. 2020 09:52
Hallo!
Habe lange nichts geschrieben, hier. Nicht, weil es mir immer gut ging, aber ich hatte vermeintlich woanders Hilfe gefunden. Jetzt versagen gerade alle Hilfen - corona-bedingt. Und ich bin wieder allein mit dem, dass ich nicht aus dem Loch komme. Ich glaube zu wissen, was dieses Mal der Auslöser war. Es gab ab Ende April eine ca. dreiwöchige Stressphase bei der Arbeit. Die habe ich zwar mit Ach und Krach überstanden, aber seitdem gehe ich ständig in den "Tiefflug". Und wenn ich dann glaube, naja, jetzt ist es endlich erledigt und mir geht es wieder gut - gestern war so ein Tag - dann braucht es nur ein ganz kleines bisschen neuen Stress (privat, heute morgen) und ich bin sofort wieder tief. Ich muss ergänzen, dass ich mich nach dem Arbeitsstress blöd tapfer gegen den Rat meiner Psychiaterin nicht habe krank schreiben lassen. Das wäre vielleicht eine gute Idee gewesen, denn jetzt scheine ich es zu verschleppen. Ich hatte es letzte Woche mal mit zwei "Abfeiertagen" versucht (ich habe ja ewig viele Überstunden), aber das ist mir gar nicht bekommen. Ich ging direkt in die Depression.
Morgen ist zudem der Geburtstag meiner Frau. Solche Tage haben traditionell bei mir keine gute Wirkung. Sagte sie irgendwann mal. Und ich erfülle diese Prognose seither zuverlässig. Oft denke ich, es hat alles viel mit der Beziehung zu ihr zu tun, Auf sie reagiere ich stets am extremsten. Ob es in die Höhe geht und ich sie gnadenlos angreife oder wenn es wie jetzt in die Tiefe geht. Auch da haben kleine Ereignisse mit ihr enorme Wirkung. Ich habe tatsächlich schon manchmal darüber nachgedacht, ob wir beide ohne einander besser klar kämen. Aber das ist nicht fair. Denn sie ist zugleich der Mensch, der es seit vielen Jahren mit mir aushält. Sie hat ihre eigenen Techniken entwickelt, wie sie sich schützt. Ich wäre ohnehin nicht fähig, eine Trennung oder auch nur einen Umzug zu überstehen. Die Aussicht auf den damit verbundenen Stress lässt mich erstarren.
Ich weiß gar nicht, ob ich letztes Jahr darüber geschrieben hatte. Da hatte ich im Frühjahr eine Monate lange Hochphase (zumeist eher hypomanisch) mit einigen krassen Alkoholexzessen. Dazu muss ich sagen, dass ich üblicherweise seit über 20 Jahren nicht mehr trinke. Zwischen 20 und 35 hatte ich viel getrunken. Ein halbes Jahr nach der Geburt von Kind 1 habe ich damit aufgehört. Jetzt war das Kind groß und ich ging wieder los. Dass es auch noch Kind 2 gibt und dass das nicht groß ist, habe ich geflissentlich ignoriert. Ich hatte mir damals ja versprochen, dass Kind 1 keinen trinkenden Vater haben solle. Ein dämliches Versprechen an mich selbst, wie sich nun zeigte.
Diese Phase hat einiges kaputt gemacht in meinem Leben. Die Familie hat zwar zu mir gehalten, aber ich habe zwei wichtige Freunde verloren. Der eine sagte zwar, es hätte nur mit ihm zu tun, dass er vorerst keinen Kontakt mehr zu mir wolle, und dass auch nur vorübergehend. Aber der zeitliche Zusammenhang ist zu offensichtlich für mich. "Vorübergehend" ist immer noch nicht vorüber. Und Versuche, mit ihm über die Gründe zu sprechen - ich versuchte das alle paar Monate mal - scheitern. Er blockt das weg. Der andere Freund war auf seine raue Art ehrlicher und hat mir direkt zu verstehen gegeben, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wolle. Der vorübergehend sich zurück gezogene Freund war extrem wichtig für mich. Der Austausch mit ihm hat viele Jahre einen Therapeuten überflüssig gemacht. Dachte ich. Er verwies immer wieder darauf. Und wir waren uns klar darüber, dass unsere Freundschaft immer wieder in eine solche falsche Richtung abrutschte. Aber es hielt - bis zu der Phase im Frühjahr 2019 halt.
Fast parallel zu dem Auslaufen der Hochphase fand ich seinerzeit eine Psychotherapeutin, mit der ich seither "arbeite". Aber ich frage mich mitunter, ob ich nicht einfach versuche, mit ihr die Gespräche zu führen, die ich nun nicht mehr hatte. Während sie immer mal wieder versucht, die Therapie den Richtlinien entsprechender zu gestalten.
Alles geht halt immer so lange einigermaßen gut, wie keine zu unebene Lebenswegstrecke kommt. Was mich letztes Jahr aus der Bahn geworfen hatte, habe ich zwar nie so richtig verstanden. Aber meine Frau meinte, ich hätte es wohl nicht gut verarbeitet, dass Kind 1 aus dem Haus gegangen war. Ich bin nach einem meiner Saufwochenenden sogar zu ihr gereist, um mich zu entschuldigen. Was für ein Mist!
Übrigens besuche ich seit letztem Jahr auch eine Selbsthilfegruppe. Ich habe mich also richtig professionell ausgestattet. Hatte ich oben ja angedeutet. Naja, die SHG findet seit Wochen nicht mehr statt. Und einen Termin bei meiner Therapeutin habe ich gestern abgesagt, weil ich sie nicht gefährden wollte. Ich hatte zwei Tage lang leichte Symptome für eine Infektion bemerkt. Und sie hatte mich stets darauf hingewiesen, dass man so nicht zu ihr kommen dürfe.
Ja, dass ist es so ungefähr. Wer was sagen oder fragen mag, soll das gern tun. Ansonsten habe ich es hier mal ein Mal zusammen gefasst, was bei mir so ist.

Gruß B.

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Bipolar, Typ II, geb. 1965,
Med.: Carbamazepin 200 + 300
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Komme nicht aus dem Loch

Bohumil 829 11. 06. 2020 09:52

Re: Komme nicht aus dem Loch

Statler 275 11. 06. 2020 10:33

Re: Komme nicht aus dem Loch

Milla 219 11. 06. 2020 18:01

@ Bohumil

Deborah 207 13. 06. 2020 14:51

Re: Komme nicht aus dem Loch

Roquentin 299 18. 06. 2020 16:30



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