Wiederkehrende Trennungen

09. 02. 2020 11:46
Hallo zusammen,
ich weiß garnicht so richtig, wie und wo ich anfangen soll.
Es geht um meinen Partner.
Vielleicht kurz etwas zur Vorgeschichte.
Er ist 20 Jahre älter als ich, wir kennen uns bereits 10 Jahre und waren früher Nachbarn.
Ich war in einer Beziehung und er lebte mit seiner zweiten Ehefrau und seinen beiden Töchtern zusammen.
Die Ehe war eher unglücklich, das bekam man auch nach außen hin mit.
Das hatte mehrere Gründe, unter anderem lag es daran, dass er weniger aus Liebe und eher aus Vernunft geheiratet hat, da er sich ein geregeltes Leben und eine Mutter für seine Tochter aus erster Ehe wünschte.
Im Nachhinein ist mir jedoch klar geworden, dass auch damals bereits viel an seiner "Launenhaftigkeit" kaputt gegangen ist.
Vor zwei Jahren trennte er sich dann von seiner Frau und kurz darauf kamen wir zusammen.
Wie gesagt kannte ich ihn zu diesem Zeitpunkt bereits seit acht Jahren.
Unsere Beziehung wurde von ihm initiiert. Er gestand mir, schon lange Gefühle für mich zu hegen. Da es mir genauso ging, ließen wir uns auf eine Beziehung ein.
Anfangs war alles toll und das Hochgefühl der neuen Liebe schien die Probleme auf seiner Seite (Scheidung, Hausverkauf, Wohnungssuche und das Getrenntleben von seiner jüngeren Tochter) zu überdecken.
Trotz des großen Altersunterschieds muss ich sagen, dass wir von Anfang an eine sehr ehrliche uns tiefgründige Beziehung hatten, die von intensiven Gesprächen und tiefem gegenseitigen Verständnis geprägt war.
Nach zwei Monaten kam dann sein erster Ausraster, völlig aus dem Nichts. Er war von jetzt auf gleich ein anderer Mensch. Der Auslöser war unbegründete und diffuse Eifersucht seinerseits. Er betrank sich, randalierte in seiner Wohnung, schrie herum, schlug Dinge kaputt und bedrohte mich. Ich zog mich zurück, am nächsten Tag erklärte er mir, was da in ihm vorgegangen war und entschuldigte sich.
Ich muss dazu sagen, dass ich von Anfang an wusste, dass er ein sehr schwieriger und "kaputter" Mensch ist. Er hat daraus auch nie ein Geheimnis gemacht.
Danach war alles wieder gut. Unsere Beziehung war erfüllend und glücklich.
Zwei Monate darauf folgte die erste Trennung. Sie ging von ihm aus und kam aus dem Nichts. Wirkliche Gründe konnte er mir auch nicht nennen. Ich erkannte nur damals schon, dass er irgendwie überhaupt nicht er selbst war. Sein Blick, seine Mimik und Gestik, alles wirkte sehr fremd.
Solche Spontantrennungen folgten noch öfter. Jedes Mal kam er jedoch nach ein paar Stunden oder maximal zwei Tagen wieder an. Er entschuldigte sich, sagte, dass er es bereue und wirkte dabei jedes mal irgendwie sehr verloren und hilflos.

Im Laufe der Zeit bemerkte ich jedoch Veränderungen. Ich konnte es sehen, wenn sich wieder eine Trennung ankündigte. Die Wochen davor konnte ich förmlich dabei zusehen, wie er selbst Stück für Stück verschwand und zu einem fremden Mann wurde.
Er wurde täglich gereizter, wortkarger, verschlossener, aggressiver und immer weniger zugänglich. Er teilte mir immer weniger und seltener mit, was in seinem Inneren vorging. War dann der Tag X der Trennung gekommen, war ich regelrecht überrumpelt von all den Dingen, die scheinbar seit Wochen in ihm vorgegangen und gereift waren. Ideen von Freiheitswahn, Wünsche nach mehreren Frauen, Gedanken, dass ich ihn in seinem Fortschritt behindern würde und jedes Mal die Aussage, dass er nichts mehr für mich fühle.
Anfangs nahm ich das sehr ernst. Ich glaubte ihm jedes Wort, konnte es jedoch nicht verstehen. Woher kam all das plötzlich und wohin waren denn plötzlich seine Gefühle für mich verschwunden und vor allem warum? Er konnte es mir nie erklären.
Das letzte mal war vor 3 Monaten. Der gerade geschilderte Ablauf, die gleichen Aussagen. Ich habe mehrere Wochen um ihn gekämpft, in mehreren Gesprächen versucht, zu ihm durchzubringen und ihn zu erreichen. Erfolglos.
Irgendwann fand ich mich ab. Ich glaubte ihm und dem, was er sagte, auch wenn ich es nicht verstand und ihn nicht wiedererkannte. Er hatte sich inzwischen zwei Tage nach der Trennung auch bereits mit einer anderen Frau eingelassen.
Ich sagte mir, dass ich mir all die Ungereimtheiten und das Fremde an ihm wohl nur eingebildet oder eingeredet hatte, weil ich die Trennung nicht akzeptieren wollte.
Nach einem letzten Gespräch, in dem er mir erneut versicherte, dass unsere Beziehung ihn nur belaste und behindere, er keine Gefühle mehr für mich habe und er auch selbst wisse, dass er ein ganz anderer Mensch ist, dies jedoch toll fände und genießen würde und nie mehr der Alte sein wolle, gab ich schließlich auf und akzeptierte die Trennung und die scheinbare Wahrheit seiner Worte.
Drei Tage später bat er um ein Treffen. Ich verstand die Welt nicht mehr, als er mich direkt nach meiner Ankunft weinend um Vergebung bat und mich anflehte, zu ihm zurück zu kommen.
Wir sprachen sehr lange, er weinte sehr stark und sagte mir, die Person, die er die letzten Wochen war, sei garnicht er selbst und so wolle er überhaupt nicht sein. Er wisse nicht, wie er zu dem Gedanken gekommen sei, ich würde ihn ausbremsen, behindern, er brauche andere Frauen und liebe mich nicht. Er war komplett hilflos und verstand sich selbst nicht. Er war entsetzt von seinen eigenen Handlungen und plötzlich erkannte ich, dass er wieder er selbst war.
Ich bat um Zeit, um das Geschehene zu verdauen und in Ruhe darüber nachzudenken, ob ich mich noch einmal auf die Beziehung einlassen möchte.
Er versprach, mir alle Zeit der Welt zu geben, auf mich zu warten, egal wie lange es dauern würde.
In den folgenden Tagen schickte er mir endlos viele WhatsApp, in denen er mir sagte, wie sehr er mich liebe und vermisse. Wie sehr er mich brauche, wie leid ihm alles täte. Dass er alles tun werde, um das wieder gut zu machen. Dass er mich nie mehr verlassen werde. Er beendete auch noch am selben Abend, an dem wir gesprochen hatten, jeglichen Kontakt zu der anderen Frau und sagte ihr, dass er mich liebe und nur mich wolle. Die Nachrichten zeigte er mir.
Die nächsten zwei Monate waren ein Traum. Alles war wieder in Ordnung, er war wieder ganz er selbst, so wie ich ihn kenne und liebe.
Vor etwa einem Monat bemerkte ich dann wieder die Warnzeichen. Er wurde zunehmend wortkarger, gereizt, genervt, lieblos und verschlossen. Letzte Woche dann wieder die gleichen Aussagen wie beim letzten Mal. Er fühle nichts für mich, ich bremse ihn aus usw.
Ich war am Boden zerstört und konnte es nicht fassen.
Ich habe mich umgehend zurück gezogen und fing an, mich mit dem Gedanken zu arrangieren, dass er wohl einfach ein 'Arschloch' ist und mich nie geliebt hat. Dass ich ihn falsch eingeschätzt und mir die guten Zeiten und seine Gefühle nur eingebildet habe, so wie er es mir auch einredete.
Dann sah ich durch Zufall einen Beitrag über bipolar Erkrankte und plötzlich machte es klick.
Erst war ich noch sehr vorsichtig und sagte mir selbst, dass ich vielleicht nur eine Entschuldigung oder Ausrede suche, weil ich die Trennung nicht akzeptieren wollte.
Seitdem habe ich etliche Beiträge, Berichte, Fachliteratur und Forenbeiträge gelesen. Die Parallelen ließen sich irgendwann nicht mehr leugnen. Etliche Texte klangen, als würde jemand genau ihn beschreiben.
Ich habe mich intensiv eingelesen, zu sämtlichen Formen der bipolaren Erkrankung recherchiert. Auch für Abweichungen habe ich Belege gesucht.
Bezieht man dann noch seine Vergangenheit sowie seine familiäre Disposition mit ein, besteht kaum noch ein Zweifel.
Auch auf Seiten sämtlicher Krankenkassen sowie jeder bekannten und anerkannten Fachseite für Psychosoziale Gesundheit habe ich recherchiert. :

-Bereits in seiner Jugend gab es sowohl Phasen extremer Geldverschwendung, extremer sexueller Überaktivität, extremen Alkohol- und Drogenmissbrauchs
aber auch Zeiten, die sehr depressiv geprägt waren, bis hin zu Todessehnsucht
-seine Mutter litt unter einer diagnostizierter bipolaren Störung, seine ältere Tochter war bereits mehrfach wegen rezidivierender Depressionen und Schizophrenie in der Psychiatrie
-seine Episoden werden jedes Mal extremer und die Abstände verkürzen sich
-aus dem Nichts hat er plötzlich Todessehnsucht und suizidale Gedanken, die er mir unter Alkoholeinfluss gesteht
-phasenweise trinkt er plötzlich viel mehr Alkohol als sonst
-er hat plötzlich auftretende Pläne und Visionen für seine Zukunft und plötzlich behindert ihn alles dabei, diese zu verfolgen
-seine Libido ist starken perdiodischen Schwankungen ausgesetzt

Ich könnte die Liste endlos fortsetzen.
Mir ist auch klar, dass all das NICHT die klassische bipolare Störung beschreibt, bzw
nicht den klassischen Verlauf von (hypo)manischen, depressiven und neutralen Episoden darstellt.
Jedoch ist er ja auch bereits 46 Jahre alt und mit zunehmender unbehandelter Krankheitsdauer können sich nicht nur die Episoden häufen, sondern auch die Grenzen zwischen (Hypo-)manie und Depression verwischen.
Tatsächlich weist jede seiner Episoden, die ich bisher miterlebt habe, sowohl depressive als auch manische Symptome auf, weshalb ich von gemischt manisch-depressiven Episoden ausgehe. Bei ihm paaren sich der Wahn der Manie, neue (nicht nachvollziehbare) Ziele zu erreichen und zu Großem bestimmt zu sein mit dem Stimmungstief, dem Schlafbedürfnis, den suizidalen Gedanken / Tosessehnsucht und der sozialen Isolation der Depression. Dazu kommen vermehrter Alkoholkonsum, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust und eine entweder nicht vorhandene oder aber völlig überhöhte Libido sowie das von jetzt auf gleich phasenweise Nichmehrvorhandensein von Gefühlen.

Auch weist er (auch außerhalb der Episoden, im Alltag) vermehrt Negativ - oder Minussymptome der Schizophrenie auf. Alogie, Apathie, Affektverflachung, Anhedonie, Aufmerksamkeitsstörungen und desozialisierendes Verhalten.

Ich benötige keine Hinweise darauf, dass ich kein Facharzt und damit nicht qualifiziert und berechtigt bin, Diagnosen zu stellen. Leider fehlt bei meinem Freund jegliche Krankheitseinsicht und er verweigert es, sich ärztlichen Rat einzuholen.
Mir bleibt daher leider nicht viel übrig, als selbst zu "diagnostizieren" bzw. wenigstens Deutungen seiner Symptome vorzunehmen.

Nach allem, was ich gelesen habe, deutet für mich vieles auf eine schizoaffektive Erkrankung oder eine bipolare Erkrankung mit gemischten Episoden hin.

Ich habe ihm Infomaterial geschickt und ihn bei unserem letzten Treffen über meine Recherchen informiert, da er halbwegs ruhig und zugänglich war. Ich habe meinen Wunsch geäußert, vorerst Abstand und Funkstille zu halten, da er ohnehin momentan nicht er selbst ist und auch für nichts zugänglich.
Ich befolge damit den Weg der Hilfe durch Nicht-Hilfe, über den ich hier im Forum viel gelesen habe. Ich habe erkannt, dass mir leider nicht viel anderes übrig bleibt.
Ich habe ihm gesagt, dass ich da bin, falls er mich braucht und ihn jederzeit gerne zum Facharzt begleite, falls er sich doch Hilfe suchen will.
Jetzt warte ich (eher widerwillig) das Ende der Episode ab, falls es denn eine ist. Ich konzentriere mich auf mich und meine Baustellen, die unter dem ständigen Auf und Ab und Chaos natürlich auch gelitten haben. Falls er so bleibt und ich mich die Krankheit betreffend doch irre, will ich gewappnet sein. Für mich steht jedoch fest, dass wenn er doch wieder "aufwachen" sollte, ich da sein werde und ich dieses mal die verbleibende "gesunde" und zugängliche Zeitspanne nutzen werde, um ihn von ärztlicher Betreuung zu überzeugen.

Es tut mir leid, dass ich mich nicht kürzer fassen konnte und ich hoffe sehr, dass jemand mir seine ehrliche Meinung zu dem von mir Geschilderten mitteilt.
Manchmal habe ich das Gefühl, selbst auch noch den Realitätssinn zu verlieren.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 09.02.20 11:59.
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Wiederkehrende Trennungen

MrsNorris93 582 09. 02. 2020 11:46

Re: Wiederkehrende Trennungen

Heike 145 09. 02. 2020 23:18

Re: Wiederkehrende Trennungen

MrsNorris93 128 10. 02. 2020 08:34

Re: Wiederkehrende Trennungen

Heike 117 10. 02. 2020 10:28

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A20213 111 10. 02. 2020 10:33

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MrsNorris93 103 10. 02. 2020 11:03

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A20213 110 10. 02. 2020 11:29

@A20213

MrsNorris93 105 10. 02. 2020 12:04

Re: @A20213

Heike 107 10. 02. 2020 12:28

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MrsNorris93 80 10. 02. 2020 12:40

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Heike 87 10. 02. 2020 12:57

Re: @A20213

kinswoman 92 10. 02. 2020 13:43

Re: @A20213

A20213 87 10. 02. 2020 14:35

Re: Wiederkehrende Trennungen

MrsNorris93 96 10. 02. 2020 11:48

keine Lobotomie in Planung

MrsNorris93 102 10. 02. 2020 11:55

Re: keine Lobotomie in Planung

Milla 108 10. 02. 2020 18:43

Re: Wiederkehrende Trennungen

anomalie 117 11. 02. 2020 01:37



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