Re: Gefährlichkeit der Bipolaren Störung?

20. 05. 2020 15:08
Hi Wesker,
ob das Risiko mit Medikation niedriger wird, kommt ganz auf die Medikation an.
Lithium ist meines Wissens das einzige Medikament, das selbst in kleinsten Mengen bereits eine anti-suizidale Wirkung hat, die sich statistisch nachweisen lässt.
Bei allen anderen Medikamenten ist es wohl eher so, dass anti-suizidale Wirkung nur dadurch zustande kommt, dass der Leidensdruck sinkt und evtl. die Anzahl und Schwere der Verluste im Leben kleiner wird. Einen klaren Nachweis von anti-suizidaler Wirkung gibt es bei ihnen nicht. Wenn ich nicht irgendeine Studie verpasst habe...
Es gibt 2 Arten von Suizid, die sehr unterschiedlich sind, wenn es um bipolare Störung geht, der Suizid aus dem Affekt heraus und der Bilanzsuizid. Gegen Ersteren können Medikamente durchaus sehr wirksam sein, gegen den Zweiten hilft eigentlich nur eine günstigere Biografie ... und das ist auch der Grund, warum die Suizidrate so hoch ist und vor allem die "Erfolgsrate" bei Suizidversuchen wesentlich höher ist, als bei anderen Erkrankungen. Bipolare Störung geht oft mit Verlusten einher, beruflich, privat, finanziell, existenziell, sozial usw.. Trennungen, Kündigungen, Verlust der Arbeitskraft, manchmal auch Verlust der Eigenständigkeit oder sogar der Freiheit im juristischen Sinne können alle vorkommen und sind wahrscheinlich häufiger als bei gesunden Menschen und werden vielleicht auch intensiver wahrgenommen.
Und damit wird ein Bilanzsuizid wahrscheinlicher, bei dem man ein Resümee seines Lebens zieht, und seiner Zukunftschancen, und wenn die Bilanz negativ ausfällt, eine Entscheidung getroffen wird, die dann eben oft auch ohne Affekte und dann besser vorbereitet und mit höherer Todesrate durchgeführt wird. Ich schätze, dass diese Art Suizide die Statistiken bei bipolarer Störung so negativ aussehen lassen. Und logischerweise sind die nicht gerade berauschenden Erfolge bei der Behandlung, die im Vergleich zu körperlichen Erkrankungen meist relativ schlechte Behandelbarkeit mit Medikamenten (relativ kleine Erfolgsquoten, insbesondere bei den Depressionen, höhere Nebenwirkungen, oft mit nicht geringen Auswirkungen und Dauerauswirkungen) und die Unheilbarkeit und damit kumulierende Wirkung der persönlichen Krisen und Verluste etwas, das dazu entscheidend beiträgt.
Ja, bipolare Störung ist eigentlich eine ziemlich tödliche Erkrankung, nämlich die mit dem höchsten Suizidrisiko überhaupt, wenn sich da nichts in den letzten Jahren geändert hat ...
Also so ganz einfach ist der Zusammenhang Medikamente und Suizid nicht.
Medikamente können den Leidensdruck lindern und affektive Suizide manchmal verhindern. Und indirekt auch das Risiko für Bilanzsuizide senken.
Allerdings kann kurzfristig auch durchaus das Gegenteil eintreten, nicht selten gibt es bei Antriebs-steigernden Medikamenten, insbesondere Antidepressiva, gerade in der Anfangszeit eigentlich automatisch ein erhöhtes Risiko, weil eben u.U. die Stimmung nicht zeitgleich mit dem Antrieb steigt, sondern erst später. Auch können erfolglose Behandlungsversuche und Nebenwirkungen das Risiko im Einzelfall durchaus auch negativ im Hinblick auf Suizidalität beeinflussen.
Bei Bilanzsuiziden gilt auch noch mal etwas Besonderes, denn gegen sie gibt es, wenn die Entscheidung einmal gefällt ist, auch so gut wie keine Mittel mehr. Die Bilanz, wenn sie nicht stark depressiv gefärbt ist, bleibt ja über die Phasen hinweg bestehen, auch ein Krankenhausaufenthalt kann keine Bilanz drastisch verbessern, insbesondere nicht in höherem Alter. Ein erfreulicherer Lebenslauf lässt sich ja nur über langfristige Verbesserungen erreichen. Es handelt sich bei Bilanzsuizid ja um eine willentliche, bewusste und nicht direkt krankheitsbedingte Entscheidung, die auf einer eher nüchternen Aufrechnung positiver und negativer Lebensereignisse beruht. Insofern also eher auf rationaler Ebene stattfindet. Es gibt ihn durchaus auch ohne jegliche psychische Erkrankung.
Die Kirchen haben dementsprechend den Suizid geächtet, um auf der Ebene des religiösen Glaubens und des schlechten Gewissens, Menschen davon abzuhalten. Nicht zuletzt auch, um durchaus auch säkulare Machtansprüche zu sichern, über Menschen, die z.B. ausgebeutet werden, Sklaven, Leibeigene usw. ... Zu behaupten, dass Glauben die Suizidgefahr senkt, kann durchaus legitim sein, dürfte aber zumindest schwer zu beweisen sein, ob er allerdings auch den Leidensdruck senkt oder die Lebensqualität steigert, kann man durchaus bezweifeln ... Ich erwähne den Glauben auch nur sozusagen präventiv, weil irgendwer immer sowieso damit kommt. Persönlich bin ich Atheist und denke, dass die Rationalität mir mindestens so hilft, wie anderen ihr Glaube.
YMMV ...

Liebe Grüße,
M.



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