Wie endet eine Manie?

25. 07. 2019 14:19
Hallo zusammen,

ich schreibe hier als Angehörige, da ich im Moment nicht mehr weiter weiß und mein Leben auf dem Kopf steht.

Mein Mann ist schizoaffektiv, offiziell diagnostiziert wurde das nicht, da er nicht in Behandlung ist, aber mittlerweile ist es offensichtlich. Vor einigen Jahren hatte er eine Psychose und es wurde eine schwere Depression festgestellt. Nach einem halben Jahr Medikamenteinnahme war er wieder so, wie ich ihn kennen gelernt hatte.

Er war stabil, ich dachte, wir hätten die Depression endlich überstanden. Von einer bipolaren Erkrankung ist bis vor kurzem niemand ausgegangen.

Anfang des Jahres wurde er wieder extrem depressiv – ich habe versucht, ihn aus seinem Loch rauszuholen, aber da in dieser Phase auch paranoide Vorstellungen und Ängste aufgetreten sind, hatte ich es sehr schwer, ihn zu erreichen. Medikamente nimmt er keine ein.

Wir hatten zu dieser Zeit begonnen, unsere Familienplanung in Angriff zu nehmen. Beziehungstechnisch war zwischen uns immer alles wunderbar, er hat immer wieder betont, dass er für mich gesund werden möchte und „alles“ für mich tue, er war ein ganz liebevoller, fürsorglicher Mensch. Es hat natürlich auch ein paar Mal gekracht, da ich durch seinen Verfolgungswahn manchmal auch an meine Grenzen gestoßen bin. Erstaunlicherweise zeigte er dieses Verhalten nur, wenn wir beide alleine waren, bei Verwandten etc. war er immer sehr souverän und unscheinbar.

Eines Abends vor zwei Monaten sagte er plötzlich, dass er sich von mir trennen wolle. Ich habe das alles zu diesem Zeitpunkt nicht verstanden. Jedenfalls hat er seine Sachen am nächsten Tag gepackt und ist ausgezogen. Dann folgte wochenlang Funkstille. Ich habe nichts von ihm gehört, konnte ihn nicht erreichen, er bekam mit, dass ich ins Krankenhaus musste, dass es mir nicht gut ging, es kam absolut keine Reaktion von ihm. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Wir hatten uns nicht gestritten. Er hatte Tage zuvor noch gesagt, wie sehr er mich liebe und auf eine Zukunft zu dritt freue. Das alles ergab keinen Sinn für mich.

Als er wieder zuhause vorbeikam "um nach mir zu sehen" merkte ich, wie verändert er war.
Ich weinte, versuchte ihm meine Gefühle mitzuteilen, aus tiefster Seele teilte ich ihm mit, wie schlecht es mir ging und dass sein Verhalten keinen Sinn ergab, dass alles zusammenbricht und ich ihn brauche... daraufhin antwortete er: "Möchtest du mit zum Burgerladen? Ich habe Hunger."

Das ist doch keine normale Reaktion?

Er möchte gar nicht mit mir darüber sprechen, für ihn ist alles gesagt und wir sind getrennt. Eine Diskussion unmöglich.

Etwas sonderbar war er schon immer, aber in den zehn Jahren, seit ich ihn kenne, habe ich ihn nie so erlebt. Er hatte neue Kleidung, war sehr gepflegt und gestylt, sagte mir, dass er sich wunderbar fühle, dass er verliebt sei und eine andere heiraten wolle (Anmerkung: es handelt sich hierbei um eine Fremde, die er erspäht hatte, sie kannten sich nicht persönlich und mittlerweile hat sich die Sache erledigt).

Ich weinte, war verzweifelt, habe ihn angefleht, bin durchgedreht, einfach die gesamte emotionale Achterbahn durchlebt, um ihn irgendwie zu erreichen. Ich habe ihn einfach nicht wieder erkannt.

Ich konnte nicht verstehen wie jemand, der vor kurzem so depressiv und paranoid gewesen war, plötzlich gar keine Anzeichen mehr zeigen konnte. Wie er sich so glücklich, selbstbewusst, selbstverliebt und gut gelaunt von unserem Leben abwenden und sich anderen Menschen zuwenden konnte. Er hatte sich so auf eine Zukunft als Familie gefreut. Als ich dann auch noch von Verwandten und Arbeitskollegen erfuhr, dass er sich auch dort total schräg aufführte, der ruhige, zurückhaltende Mensch plötzlich mit jedem Freundschaft schließen wollte, jeder hübschen Frau Komplimente machte und zügellos über Themen sprach, für die er sich normalerweise in Grund und Boden geschämt hätte, wurde mir klar, dass er nicht ganz bei Sinnen sein konnte.

Da wurde mir klar, dass ich ihn zum ersten Mal manisch erlebte. Er ist zwar in psychiatrischer Behandlung, möchte aber keine Medikamente einnehmen, da er sich wunderbar fühlt und auch nichts von einer medikamentösen Behandlung hält. Zwischenzeitlich wollte er sich einweisen lassen, hatte eingesehen "manisch-depressiv" zu sein, wurde aber von der Psychiatrie abgelehnt, da sie dort keine Selbst- oder Fremdgefährdung festgestellt haben. Außerdem wirkt er sehr charmant und völlig normal, wenn man nicht länger mit ihm zu tun hat.

In der Tagesklinik gab es erst wieder freie Termine in drei Wochen, da hat er dann auch keine Lust mehr gehabt. Er hat kaum Schamgefühl, Reue oder Empathie. Zumindest mir gegenüber ist er völlig fremd. Auch konnte ich mich nicht mit ihm unterhalten, seine Konzentrationsfähigkeit auf Gesprächsthemen glich dem eines Kleinkindes. Außer es ging um etwas, das ihn gerade interessierte, wie z.B eine Karriere als Internetstar (da fehlen mir auch die Worte, aber er merkt nicht wie kindisch und albern das ist...).

Während der manischen Phase war er gezwungen, wieder hier einzuziehen (das ging nur eine Woche gut, obwohl ich wirklich nett zu ihm war).

Es gab Tage, da kam er zu mir und sagte, dass er mich liebte. Er war wieder normal, mit der Ausnahme, dass er weiterhin von Scheidung sprach, denn er wolle ja ein anderes Leben führen und "neue Frauen kennen lernen". Dann wurde er von jetzt auf gleich wieder sehr abweisend, chattete mit Frauen vor meinen Augen, wenn ich weinte kommentierte er das mit einem Achselzucken und grinste vor sich hin. Er versteht nicht, dass mir das weh tut, dass ich eben nicht „einfach raus gehen und mir einen neuen Mann“ suchen möchte.
Er benimmt sich so dermaßen anders, dass ich das Gefühl habe, es mit einem anderen Menschen zu tun zu haben. Ich war ihm immer unglaublich wichtig, jetzt denkt er keinen Moment mehr an mich, für ihn sind wir eben getrennt und die Scheidung kann ihm gar nicht schnell genug gehen.

Geschlafen hat er sehr wenig in den letzten Monaten, sowohl in der Depression als auch in der Manie.

Er lachte viel, sagte mir manchmal aber auch, dass er weinen müsse, dass ihm das alles sehr weh tue, dass es ihm leid tue seine Versprechen mir gegenüber brechen zu müssen. Er könne nichts dafür, es sei der bessere Weg, wenn jeder einen neuen Partner und ein neues Leben beginne...

Und noch eine Sache: Bei Kleinigkeiten rastete er seit dem Beginn der manischen Phase plötzlich aus, z.B. wenn das Wlan mal nicht funktionierte, dann wurden Geschirr und Möbel zertrümmert, von einem Augenblick auf den nächsten herumgeschrien, und einen Moment später saß er wieder am Bildschirm und hat gelacht.
Da kam es auch vor, dass er grundlos anfing, mich anzuschreien, meine Familie zu beleidigen, er sei der beste und alle anderen dumm... er befindet sich dann in einer Affektstarre und die Wut richtet sich auf das, was zufällig da ist.
Einmal habe ich solche Angst bekommen, dass ich den Notarzt gerufen habe. Dieser hat sich ihn ein paar Minuten angeschaut und mir dann gesagt, dass er eine "schizophrene Persönlichkeit" haben könnte. Vom extremen Wutausbruch zum charmanten Gastgeber, von einer Sekunde auf die andere... es ist nicht verwunderlich, dass mir alles zu viel wird.

Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll und was ich erwarten kann.

Er ist so verändert, in Wesen und Charakter. Seine Ansichten sind total verdreht. Ehe und Liebe, das ist ihm alles mit mir nichts mehr wert. Er möchte ein anderer Mensch sein.

Und keiner kann mir sagen, ob er krank ist oder nicht. Seine Phasen bekomme hauptsächlich nur ich mit. Auf den ersten Blick wirkt er normal.

Bei Stress in der Depression neigt er zu leichten Psychosen, Reailtätsverlust. Wir hatten viel Stress am Anfang des Jahres, und plötzlich war er „verwirrt“ und hat unser Leben hinterfragt und viele zwischenmenschliche Beziehungen nicht mehr verstanden.

Das kann doch alles kein normales Verhalten sein, niemand lässt von jetzt auf gleich einfach alles fallen, haut ab und möchte ein neues Leben beginnen...oder?
Auch wie er mit mir umgeht, seiner Ehefrau, die für ihn jetzt nur noch eine gute Freundin ist. Er sagt immer nur "das packst du schon, geh raus und finde einen neuen und zieh mit ihm hier ein und lebt zusammen hier weiter. Ich finde bald eine neue Partnerin."
Ich kann ihn daraufhin immer nur fassungslos anstarren und sagen, was er denn da bitte von sich gibt. Wir haben auf eine Zukunft hingearbeitet, alles aufgebaut...

Es steht überall nur, dass oft auf eine Manie eine Depression folgt... ich kann mir das so schwer vorstellen- auch weil es für mich die erste manische Phase ist. Im Nachhinein kann ich sagen, dass wir hypomanische Phasen mehrmals erlebt haben... aber er war nie so. So krass wie jetzt war er nie, und er war immer fürsorglich, liebevoll, ein Mensch, dem man absolut vertrauen konnte. Wenn ich ihn frage, wie er sich fühlt, sagt er immer: "gut" oder "super". Am Anfang der Manie sagte er noch, wie sehr er leide und wie schwer ihm das alles falle, dass er oft weinen müsse und Wutausbrüche habe... schwer vorstellbar für mich, da er draußen unterwegs war, um neue Bekanntschaften zu schließen.

Ich habe wahnsinnige Angst, dass er diese Ansichten die er jetzt hat, beibehält. Dass er „mehr Frauen“ möchte und das Gefühl hat „etwas zu verpassen“. Gleichzeitig will er aber eine „liebevolle“ Frau wie mich finden und weiterhin eine Familie gründen, in frühestens zehn Jahren.

Wir sind beide 30 Jahre alt.

Meine frage hierzu: Wie hört so eine Manie auf? Schleichend? Oder wacht man plötzlich auf und ist depressiv? Kann es einen Auslöser geben? Kann es sein, dass seine Wahrnehmung für immer so verzerrt bleibt und er sich unangemessen und wesensfremd benimmt? Kann es sein, dass seine neuen Ansichten von der verzerrten Wahrnehmung, der verrückt spielenden Gefühlswelt her kommen?
Können die ursprünglichen Wünsche und der geplante Lebensentwurf wieder hervorkommen, wenn man in die Depression fällt...?

Er ist jetzt weit weg bei Verwandten, bald wird er dort anfangen zu arbeiten, ich bin mit allem hier allein zurück geblieben und weiß gar nicht, wie ich das alles stemmen soll. Er möchte sich um nichts kümmern, dabei verdient er mehr als ich und es sind alles seine Möbel, ich bin gar nicht in der Lage das zu finanzieren oder einen Umzug zu stemmen... er ist einfach geflohen, mit den Worten: Ich muss hier einfach weg!"
(Anmerkung: in der Depression sagte er immer, er wolle nie von hier wegziehen, denn hier fühle er sich sicher).

Ganz aktuell:
Ich weiß von Verwandten, dass er ruhiger geworden ist, auch schläft, wieder Bücher ließt... heißt das, er kann nicht mehr manisch sein? Schließen sich diese Dinge gegenseitig aus? Fakt ist aber auch, dass er sich als Gast benehmen muss, sonst kann er nirgendwo hin. Haben sich Maniker gut im Griff, wenn es darauf ankommt?

Manchmal denke ich, ich bilde mir nur ein, dass er nicht gesund ist, dann erinnere ich mich an seine depressive Phase und an seine schizophrene Seite, an den Realitätsverlust. All das ist mehrmals vorgekommen und wird bestimmt wieder geschehen, und ich kann nichts für ihn tun, da er mich abgeschrieben hat. Manchmal denke ich, dass er sich zusammen gerissen hat für mich und jetzt wo ich kein "Störfaktor" mehr bin, kann er diese Seite ausleben...

Momentan nehme ich Beruhigungsmittel ein, habe auch Antidepressiva bekommen, Angstzustände und Panikattacken. Ich möchte einfach nur wieder den Menschen zurück, den ich kennen und lieben gelernt habe. Ich habe Angst, ihn für immer verloren zu haben.

Ich habe psychologische Hilfe gesucht, bei zwei verschiedenen Personen, was ich da zu hören bekam war: "lassen Sie ihn einfach, wollen Sie sich das wirklich ein Leben lang antun? Seien Sie froh, dass er sich trennen will"... soviel dazu. Manche Menschen wissen nicht was es heißt, jemanden von ganzem Herzen zu lieben.

Ich danke für die Zeit die ihr euch genommen habt um das zu lesen und bedanke mich schon mal für jede Antwort...



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 25.07.19 14:22.
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Promisses 755 25. 07. 2019 14:19

Re: Wie endet eine Manie?

Heike 276 25. 07. 2019 16:36

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fahni 259 25. 07. 2019 16:39

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Milla 211 26. 07. 2019 12:51

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elsbeth 215 26. 07. 2019 13:08

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downtoearthguy 185 27. 07. 2019 15:19

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nebulos 179 27. 07. 2019 16:52

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nebulos 189 27. 07. 2019 22:07

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Promisses 190 28. 07. 2019 19:35



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