Angehörigen "hintergehen"

11. 07. 2019 13:15
Hallo,

ich bin neu hier als Angehörige und fühle mich gerade sehr hilflos mit meinem Verdacht, mein Partner könnte an BP II erkrankt sein.
Es ist eine sehr lange Geschichte mit viel Leid auf beiden Seiten.

Bei ihm wurde vor etwa einem Jahr eine "rezidivierende depressive Störung" diagnostiziert. Im Vorfeld war er extrem gereizt, unkonzentriert, "rastlos" und unruhig, gepaart mit Antriebslosigkeit. Die "schönsten" Momente waren, wenn er völlig rastlos und innerlich getrieben die Wand anstarrte, weil er es nicht geschafft hat, aufzustehen. In dieser Zeit trennte er sich von mir (ich sah das nicht ein war ein ziemlich nerviger Pfosten für ihn, weil ich nicht gegangen bin).

Zwischen Diagnose und beginnender Therapie lagen etwa drei Monate. In der Zeit hatte er extreme Stimmungsschwankungen, teils mehrfach am Tag von "positiv, voller Hoffnung" zu "absolut negativ, das wird nie wieder was". In meiner Hilflosigkeit kaufte ich das einzige wirksame frei verkäufliche Johanniskrautpräparat mit 900mg. Er wollte keine Medikamente nehmen. Irgendwann nahm er es doch, es half nicht ausreichend, die Schwankungen blieben.
Viele, viele Mantras später und ein klein wenig Beziehung zur hiesigen Psychiatrie spielen lassend ließ er ich auf einen Arztbesuch ein. Der Psychiater wollte (leitliniengetreu?) erstmal beim Johanniskraut bleiben und es höher dosieren. Davon gingen die Stimmungsschwankungen weg. Wir nahmen es beide so wahr, dass die "Hochs" fehlen, die "Tiefs" irgendwie da sind, aber die Ausschläge nach unten seltener werden. Nach oben gab es keine mehr. Die Stimmung insgesamt war ausgeglichener, wenn auch eindeutig mit depressiver Symptomatik.

Jetzt hat er vor ein paar Wochen (nach Absprache mit Arzt und Therapeuten) das Johanniskraut ausgeschlichen. Seitdem nehmen die Stimmungsschwankungen rapide zu, wobei mir besonders die "Hochs" auffallen. Er flirtet, ist gesellig, macht Party. (er ist eigentlich sehr introvertiert). Er ist unkonzentriert, gereizt (außer er macht Party - es schwankt total zwischen gereizt und euphorisch), sehr erschöpft, gleichzeitig "unter Strom". Wenn ich ihn darauf anspreche, reagiert er fast aggressiv (ich würde ihm keinen schönen Abend gönnen, er habe halt Stress). Wenn er so super drauf war, folgt aber der Fall sofort. Neulich konnte er nicht zur Therapie, weil er es einfach nicht geschafft hat (d.h. er hat seine Therapeutin gefragt, ob er kommen soll - sie hat dann die Sitzung abgesagt, weil er so erschöpft war, dass sie es für gut befindet, wenn sie sich erst in vier Wochen wieder sehen - ich find's ganz schlimm).

Was mache ich jetzt? Gehe ich "hinter seinem Rücken" vor und informiere seinen Arzt und die Therapeutin von meinen Beobachtungen? Sie dürfen mir ja beide keine Auskunft geben; ich dürfte theoretisch. Ich bin mir aber nicht sicher, ob seine Therapeutin das für sich behalten würde. Wenn er sowas heraus bekommt, wäre es sicher ein ganz schlimmer Vertrauensbruch. Mit ihm sprechen? Ich bin seit zwei Jahren der Buhmann. Ich hatte für mich immer gesagt, dass ich ihn in professioneller Behandlung wissen möchte, damit ich mich wieder zurück nehmen kann. Jetzt steck ich immer noch drin und kriege seine Launen ab. Ich liebe ihn aber sehr - er ist ein wundervoller Mann, der (gesund) so empathisch ist, mich auf Händen trägt. Es ist mein absoluter Wille, dass er "vor sich selbst" mal eine Pause hat, nicht dauernd getrieben und gereizt ist, aber ich habe keine Kraft mehr, diesen Kampf gegen ihn und für ihn zu führen.

Was meint ihr? Arzt/Therapeutin informieren? Oder distanzieren? Wir haben ein gemeinsames Haus gekauft mit großem Garten und Haustieren. Räumliches Distanzieren ist, ob der häuslichen Verpflichtungen, kein einfaches Unterfangen.

Ich hoffe, es melden sich einige Angehörige auf diesen doch sehr langen Beitrag.

Liebe Grüße,
Spheniscus
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

Angehörigen "hintergehen"

Spheniscus humboldti 315 11. 07. 2019 13:15



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