Teil 2 der Engelsgeschichte ...

26. 12. 2025 03:25
Der Engel, der Busfahrerin werden wollte.

...

Sie lächelt dann bedauernd, denn sie kennt das Dilemma.
Einmal klingelte sie im sechsten Stock eines Mehrfamilienhauses.
Auf der Fußmatte stand "Come back with Pizza".
Ein Mann öffnete und sah sie misstrauisch an.

Höflich sagte sie: "Guten Tag. Ich bin ein Engel."
Der Mann kniff die Augen zusammen.
"Kommen Sie von den Zeugen Jehovas?"

Sie wußte nicht, wer das ist, aber dem Blick des Mannes nach zu urteilen, waren sie nicht beliebt.
"Nein, ich habe eine Botschaft für Sie. Darf ich reinkommen?"
"Kann ja jeder sagen. Und dann klauen Sie mein Sparbuch", schnauzte der Mann.
"Denken Sie, ich bin doof? Schreiben Sie mir eine E-Mail!" Er knallte die Tür zu.
Vielleicht hätte sie Pizza mitbringen sollen.

*
"Wenn Sie ein Engel sind, dann tun Sie gefälligst was!
Retten Sie Leute, verhindern Sie Verkehrsunfälle, Raubüberfälle und Liebeskummer!
Sorgen Sie dafür, dass die Welt ein besserer Ort wird!"
Solche Sachen hört sie als Engel dauernd.
Sie versucht dann zu erklären, dass hier ein Missverständnis vorliegt:
Dies ist nicht die Aufgabe der Engel, sondern der Menschen.

*
Einmal war sie im Krankenhaus.
Leise betrat sie eines der Zimmer.
In der Mitte stand ein einzelnes Bett.
Ein Mann lag darin. Er sah sehr krank aus.
Seine Frau saß auf der Bettkante und sah sie hoffnungsvoll an.
"Es gibt doch Wunder, oder?"

Sie fühlte sich unwohl. "Ja", sagte sie zögernd.
Und dann leiser: "Aber manchmal sehen sie nicht aus wie Wunder."

*
Ihren Namen nannte sie nicht.
Ihr Gesicht vergißt man wieder.
Ihr Schritt ist lautlos.

Manchmal wollen die Leute mit ihr handeln.
Wenn es schlimm wird, schreien sie und schimpfen.
Aber sie kann nichts ändern. Sie kann nur da sein. Das aber kann sie gut.

*
Es dämmert bereits. Ihr macht die Dunkelheit nichts aus. Wo sie ist, ist es hell.
Aber das Mädchen ist so klein, und es wirkt verloren inmitten der finsteren Bäume.
Als es sie entdeckt, fragt es: "Musst du nicht nach Hause? Es wird schon dunkel."
Sie schüttelt den Kopf. "Ich muss doch aufpassen."
"Auf wen?"
"Auf alle."

Das Mädchen schaut sie neugierig an.
Es hält etwas im Arm. Ein Schaf.
Es fragt: "Und wer paßt auf dich auf?"
"Das müssen alle anderen tun."

*
"Engel", sagen die Leute, "so ein schöner Beruf. Und so sinnvoll. Sind Sie ein Schutzengel?"
Die mögen die Leute am liebsten. Sie denken, dann sind sie in Sicherheit. Aber Sicherheit hat sie nicht.
Manchmal bedauert sie das. Sie hat nichts in der Hand. Sie ist da. Selbst da, wo man sie nicht erwartet.


Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich
behüten auf allen deinen Wegen, dass sie dich
auf den Händen tragen und du deinen Fuß
nicht an einen Stein stößt.

Psalm 91, 11-12


Der Engel hat sich an der Zuganzeige zu schaffen gemacht.
Ich sehe ihn nicht, aber die Zahlen schieben sich nach vorn.
Fünfzehn Minuten Verspätung. Zwanzig Minuten Verspätung.
Ich wollte den frühen Zug nehmen, weil ich es eilig habe.
Der Engel drückt mich sanft in die Knie.

Ich hocke mich auf eine Stufe weit hinten am Endes des Gleises, wo niemand ist außer mir.
Das Handy nimmt er mir aus der Hand. Ich will protestieren, doch die Sonne blendet mich,
ich schließe die Augen und vergesse, was ich wollte


(... aus "Fliegen lernen" von Susanne Niemeyer,
wiedergegeben mit dem Einverständnis der Autorin)
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

Eine Engelsgeschichte ...

Deborah 241 25. 12. 2025 07:14

Re: Eine Engelsgeschichte ...

Ver-rückt 82 25. 12. 2025 13:10

Teil 2 der Engelsgeschichte ...

Deborah 85 26. 12. 2025 03:25



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