Fortsetzung:
Als der Engel in seine Gedanken tritt, wird es hell. Das ist das erste, was geschieht: dass es hell wird.
Dann stößt der Engel ihn in die Seite. Es ist ein heftiger Stoß. Er scheint nicht zimperlich zu sein.
"Wach auf", ruft er. "Komm zu dir!" Peter will gar nicht zu sich kommen, aber er blinzelt trotzdem.
Der Stoß tat weh.
"Steh auf", sagt der Engel und es klingt wie ein Befehl. Peter will ihm die Wachen zeigen, er will ihm zeigen,
dass er unmöglich aufstehen kann. Aber verwundert stellt er fest, dass sie schlafen. Dass die Stimmen schweigen.
Er nähert sich ihnen vorsichtig, aber: Nichts. Keine Regung. Da fallen die Ketten von ihm ab.
"Zieh deine Schuhe an", befiehlt der Engel. "Wird Zeit, dass du hier raus kommst." "Aber", sagt Peter
"Nichts aber", sagt der Engel.
Da steht Peter auf. Der Engel sieht ihm geduldig zu. "Den Mantel", erinnert in der Engel.
"Nimm den Mantel. Der schützt dich". Mantel, denkt Peter. Mantel ist gut.
"Und jetzt folge mir"
Peter blickt sich um. Von der Enttäuschung keine Spur. Hat sie sich versteckt?
Für gewöhnlich lauert sie immer irgendwo.
"Lass sie", sagt der Engel. "Wir gehen jetzt raus ins Leben."
Peter stolpert aus seiner Gefangenschaft. Er weiß nicht, wie ihm geschieht.
Er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Das eiserne Tor der Schuld öffnet sich.
Der Engel führt ihn hinaus. Niemand stellt sich ihnen entgegen. Nicht mal der Vater.
Es ist fünf Uhr morgens. Peter Simons schlägt die Augen auf. Es ist hell. Die Vögel erwarten ihn.
Der Engel ist verschwunden. Ist das wahr, denkt er oder habe ich geträumt?
Er weiß es nicht. Er weiß nur: Er ist frei.
Wie das zugegangen ist, kann er keinem erklären.
Er weiß nur: Jemand hat das Licht angemacht.
* * *
Als Petrus ins Gefängnis geworfen wurde, betete die Gemeinde ohne Aufhören für ihn.
In der Nacht vor dem Prozess schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt,
vor der Tür bewachten zwei weitere Wachen das Gefängnis.
Plötzlich betrat ein Engel Gottes die Zelle und Licht erfüllte den Raum. Er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn.
"Steh auf!" Und die Ketten fielen von seinen Händen. Der Engel sagte: "Gürte dich und ziehe Schuhe an!" Und er tat es.
Der Engel sagte: "Wirf deinen Mantel um und folge mir!"
Da ging er hinaus und folgte ihm, aber wusste nicht, dass all dies wirklich geschah, sondern meinte zu träumen.
Sie gingen durch die erste und zweite Wache. Das eiserne Tor tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus
und gingen eine Gasse weiter, da verließ ihn der Engel.
AUS DER APOSTELGESCHICHTE 12
* * *
Als ich den Engel des Verzichts treffe, wundere ich mich. Er hat Flügel.
Entgegen landläufiger Meinung ist er der Vergnügteste von allen.
Er ist leichtfüßig. Seine Koffer hat er unterwegs verloren.
Er weiß nichts besser. Was er sagen wollte, hat er vergessen.
Den Eiligen läßt er den Vortritt. Den Ehrgeizigen räumt er den Weg.
Der Engel des Verzichts nimmt niemandem etwas weg. Auch keine Illusion.
Er ist frei. Nicht mal an der Freiheit hält er fest.
aus "fliegen lernen" von Susanne Niemeyer
(wiedergegeben mit dem Einverständnis der Autorin.