Re: Familie und Verständnis

07. 07. 2018 17:13
Hallo Charly,

mein Sohn war etwa in deinem Alter als die Bipo mit Pauken und Trompeten bei ihm ausbrach.
Ich hatte keinerlei Erfahrung oder Wissen über oder mit dem, was ihm da widerfuhr.
Und da ich wirklich erstmal geschockt war, wollte ich dafür unbedingt eine plausible Erklärung.
Ich wollte "wissen" um nicht daran zu verzweifeln, was alles vorgefallen war.

Zum Teil hab ich das in knackig kurzer aber inhaltlich korrekter Form in einem Arztgespräch auf der Geschlossenen, in die er zu diesem Zeitpunkt richterlich eingewiesen war, bekommen.
Wir wurden von dieser heftigen psychotischen Manie alle komplett überrollt. Dementsprechend war
uns schnell klar, das das schweres und verheerendes Krankheitsgeschehen ist, was in so einem Fall dann auch keine Kunst ist.

Es gab nichts zu "leugnen" oder zu beschönigen. Aber es ist wichtig finde ich, dass die Profis/Behandler die Angehörigen miteinbeziehen. Und ich halte es für sinnvoll, dass deine Mutter mal zum Arzt mitgeht.
Es hat sicher Einfluss auf ihre Sicht deiner Erkrankung.

Dass es sie nicht interessiert glaube ich nicht, ich denke das hat wohl eher mit der Erfahrung durch ihre Mutter zu tun. Du musst dir vorstellen, wie das war noch vor Jahrzehnten das Kind einer Bipolaren zu sein, das war sicher belastend und unerklärbar. Niemand hat zu diesen Zeiten über psychische Krankheiten gesprochen, aufgeklärt oder versucht zu entstigmatisieren, schon gar nicht Kindern gegenüber. Das fängt ja jetzt erst so langsam an, dass da mal jemand überlegt, hoppla was macht das mit den Kindern.
Ich sehe was das "nicht wissen wollen" und "nichts damit zu tun haben wollen" auslöst, an meiner Schwiegerfamilie. Da fing erst mit der Erkrankung meines Sohnes, viel zu spät, eine widerwillige Auseinandersetzung mit der als "Macke" und "dem Schuss vom Alten" bezeichneten Erkrankung des Vaters langsam an. Das ist nicht einfach und geht auch nicht schnell, diese Abwehr und diese Verdrängungen die man sich zum Selbstschutz in der Kindheit angeeignet hat über Bord zu werfen und sich zu öffnen.

Der Arzt der damals mit uns sprach, den ich nie vergessen werde und im Forum schon öfter zitiert habe, sage zwei Dinge.
"Ihr Sohn ist ein schwerkranker Mensch" und "wenden sie sich an die DGBS".
So bin ich als Angehörige im Forum gestrandet. Und hab die DGBS-Seite rauf und runtergelesen.
Mir hat das sehr geholfen, mich nicht in Selbstbeschwichtigungen, Verleugnung oder übertriebene Schuldgefühle
zu flüchten oder nur als Beispiel, manische Aussagen nicht mehr so an mich rankommen zu lassen.

Du könntest ja deine Mutter mal auf die Seite aufmerksam machen.
Oder du bestellst einfach die DGBS Patientenbroschüre und legst sie ihr unverbindlich hin zum Lesen.

Und natürlich darf auch sie Zeit brauchen, um zu realisieren, zu akzeptieren, dass du zwar die Krankheit ihrer Mutter auch hast, aber, dass jeder Krankheitsverlauf anders ist.
Geduld und Verständnis füreinander brauchen alle Seiten.

Und das ist immer auch eine Belastungsprobe, wenn man zu eng beisammen ist, sich nicht aus dem Weg gehen kann. Du bist 21. Da gingen dir deine Eltern auch so immer wieder auf den Keks und du ihnen. Leicht manisch aber ganz sicher. Manchmal muss man das einfach aushalten, Geduld haben und nicht vergessen, dass es auch wieder anders wird.

LG

kinswoman

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per aspera ad astra



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.07.18 17:16.
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Familie und Verständnis

Charly99 274 07. 07. 2018 13:19

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dry 86 07. 07. 2018 13:38

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kinswoman 100 07. 07. 2018 17:13



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