DGBS Newsletter: Ausgabe 4/2017

31. 10. 2017 12:29
Hallo Ihrs,

ich hab das Bedürfnis, euch heute einen Auszug vom Newsletter Editorial von Andreas Reif hier
zu zitieren, weils mir gefällt und da wahrscheinlich nicht jeder von euch den Newsletter abonniert hat.

"Neben meiner Aufgabe im DGBS-Vorstand bin ich ja auch noch Direktor einer gar nicht so kleinen Universitätspsychiatrie, mit Versorgungssektor und ca. 180 Behandlungsplätzen. Wie alle anderen Kliniken auch, führen wir regelmäßig Patientenbefragungen durch. Neben (glücklicherweise) viel Lob kommt hier auch Kritik (was Sinn der Sache ist) und mit am Häufigsten wird genannt: zu wenig Einzelgespräche! Zu wenig Psychotherapie! Zu wenig Angehörigengespräche! Und ich muss sagen: es stimmt. Da stimme ich den Patienten voll und ganz zu. Das Problem ist nur, ich kann es nicht ändern. Die Personaldecke im Krankenhaus, und zwar incl. Ärzten und Psychologen, wird in der nunmehr über 25 Jahren alten PsychPV festgelegt, die Mindestwerte an Personal definiert und finanziert.

Darüber hinausgehend muss keine Klinik Personal vorhalten, und die Personalzuweisung legt nicht etwa der Leitende Arzt fest, sondern (Sie ahnen es): die Geschäftsführung, also Kaufleute. Während insgesamt in den Krankenhäusern in den letzten 25 Jahren die Zahl der Ärzte um mehr als 60% zugenommen hat, so hat sie in der Psychiatrie real sogar abgenommen – trotz Arbeitsverdichtung und enorm gestiegenem Dokumentationsaufwand. Was daraus resultiert, das merken Sie, die Patienten, am eigenen Leibe: viel weniger Zeit für die Patienten. Weder Ihnen noch uns Ärzten gefällt das! Nur, dass wir relativ wenig bis nichts daran akut ändern können. Der Prozess der Personalbemessung ist nun eine Chance, wie wir Therapeuten uns einbringen können, um neue (und bessere) Mindestvorgaben für Personal zu erreichen – aber wir sind eben nur ein „Player“ in diesem Spiel, in dem es ja letztlich um Sie geht.

Insofern kann ich Ihnen nur raten: bringen Sie sich ein! Wenn Sie Abgeordnete kennen – sprechen Sie diese an, was deren Partei oder Fraktion für psychisch Kranke tut! Wenn Sie sich als Vertreter einer Organisation in den Prozess des GB-A einbringen können, tun Sie das! Schreiben Sie Briefe, engagieren Sie sich, geben Sie den Patienten Stimme und Gesicht und sagen, was Sie sich wünschen für die Psychiatrie der Zukunft! Sie sind viele… en marche!"


Ich finde, dass er etwas beschreibt, was Einfluss hat auf ganz viele Diskussionen hier in letzter Zeit, wenn man sie mal von der persönlichen Ebene Einzelner loslöst.
Und, weil er etwas zusammengefasst gut erklärt, was z.B. ich als meine Motivation sehe, wenn ich als Angehörige hier schreibe oder versuche, wo und wie auch immer, mein erkranktes Familienmitglied zu unterstützen.
Egal obs um Stigmatisierung, Verharmlosung oder um gute/schlechte Behandlung geht, dieses
"geben Sie den Patienten Stimme und Gesicht und sagen, was Sie sich wünschen für die Psychiatrie der Zukunft! Sie sind viele… en marche!"
ist finde ich, das was uns alle verbinden sollte, wir alle beherzigen sollten, da ist es egal ist ob ich nun angehörig oder betroffen bin.
So als "kleinster gemeinsamer Nenner".

Ich mein damit jetzt nicht, dass sich alle gleich in der Politik engagieren sollen oder in irgendwelchen Verbänden
mitmischen müssen, können und dürfen natürlich schon.
Aber es fängt ja schon im Kleinen an. Von Mensch zu Mensch.
Nicht schweigen wenn psychisch Kranke stigmatisiert werden.
Selbstbewusster Hilfe einfordern, sich nie schämen für die Krankheit, weder als Selbstbetroffene noch als Angehörige.
So man die Energie in dem Moment hat, in dem man sich diskriminiert und benachteiligt fühlt, sich doch auch mal schriftlich beschweren. Selbst wenn das in diesem Moment noch nicht direkt etwas bewirkt.
Steter Tropfen höhlt den Stein.
Wissen und Verständnis teilen und mitteilen. Veranstaltungen zum Thema besuchen und entsprechende Petitionen unterschreiben.
Weil es stimmt ja, wenn man alle zusammen nimmt, Betroffene, ihre Angehörigen und die Behandler,
dann sind wir (theoretisch) wirklich viele, die mitwirken könnten an "Psychiatrie der Zukunft".

Mein Wort zum Feiertag heute, keine Ahnung obs ins Forum "gehört" oder passt, trotzdem danke fürs Lesen.

LG kinswoman

kinswoman

................................................................................................................................................
Und sobald du die Antwort hast, ändert das Leben die Frage !
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

DGBS Newsletter: Ausgabe 4/2017

kinswoman 330 31. 10. 2017 12:29

Bravo! Sehr stark!

dry 101 31. 10. 2017 16:13

Re: DGBS Newsletter: Ausgabe 4/2017

Heike 101 01. 11. 2017 11:34



In diesem Forum dürfen leider nur registrierte Teilnehmer schreiben.

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen