PTBS etc.

14. 07. 2017 18:18
Hi all,

da in letzter Zeit wieder viel über Traumata, PTBS, samt körperlichen Fehlempfindungen
geschrieben wurde, mag ich meine Einstellung/ Erleben dazu schreiben:

2006 und 2008 wurde ich für jeweils 6 Wochen per Eileinweisung (manisch bzw. F31.6)
in die Reha geschickt. 2006 wurde ich durch eine tschechische Ärztin aus Prag aufge-
nommen und untersucht, die Frau war äusserst gründlich, wie ich es niemals zuvor
erlebt habe (3. Reha). Auf mein Bitten hat sie als Stationsärztin auch die Psychotherapie
übernommen, für mich ein absoluter Glücksfall ! Ausser den korrigierten Rehaberichten
(sachliche Fehler farbig hervor gehoben) hat mir meine Hausärztin sämtliche Akten über-
lassen, die auch alle ärztlichen Berichte aus Berlin enthielten, ziemlich viel Papier in 26
Jahren.

Als Fr. Dr. meine Geschichte las und hörte, sprach sie von Quälerei und Mordanschlägen,
ich hatte das bis dato nicht so gesehen, eher wie, "was einen nicht umbringt, macht härter".
Was für ein Kardinalirrtum, ich kann heute gar nicht mehr verstehen, wie ich damals "ge-
tickt" habe, ticken fast wörtlich, Zeitbombe. :(

Jedenfalls musste ich 10 Sitzungen a 1,5 Std. in einer PTBS-Gruppe absolvieren, als
einziger Mann unter ca. 15 mißbrauchten Frauen, zuerst kam ich mir sehr deplaziert
vor, hab mich auch für uns Männer geschämt. Das war schon sehr grausig, was die
Frauen dort erzählt haben, aber ganz langsam kapierte ich, dass das auch viel mit
mir zu tuen hat. Ergo-, Musik-, Sport-, Kunstwerkstatt-Therapie lasse ich jetzt aussen
vor, ich bleibe bei PTBS.
Ein absolut fähiger, älterer Psychiater, der als Pensionär noch ein paar Stunden in der
Klinik machte, hat uns PMR nach Jacobson bei gebracht, völligst entspannt, fast hyp-
notisch. Ich betone diesen Mann, weil eine Ersatzfrau mit bös schnarrender Stimme
dieses Erleben kaputt zu machen drohte, da bin ich ausgeschieden. Durch die Wieder-
holung in 2008 konnte ich das verinnerlichen, in Teilbereichen nutze ich das intuitiv
fast täglich, sehr gut auch gegen restless legs, selbst mitten in der Nacht.

Bevor ich jetzt in den 'Hauptbereich' der PTBS-Therapie komme, möchte ich die
(Fach) Frau Phineas hier im Forum sinngemäß erwähnen, die PITT bei Bipos sehr
kritisch sieht, es selbst nicht verordnen würde. Nebenbei, das ist etliche Jahre her,
ich habe keine Ahnung, wie sie heute dazu steht (?).

Schon in der Reha 2004 wurde diagnostiziert, dass ich ziemlich extrem "bildhaft
denke, empfinde". Daher hat die imaginative Traumatherapie nach Luise Redde-
mann bei mir eingeschlagen, wie eine Bombe. :) Endlich fand ich die Möglich-
keit, die Flashbacks zu handeln, zu verändern, unglaublich, wie intensiv das
auch körperlich ist. Sicherlich dauert das eine längere Zeit, bei mir musste
das auch zweimal stationär sein, bis es wirklich 'eingebrannt' wirkte.

Ähnlich wie PMR, kann ich PITT heute intuitiv und fast unbewusst nutzen, eine
unglaubliche Hilfe im Alltag. Mehr noch, ich bin mittlerweile davon überzeugt,
dass die PTBS-Flashbacks die (Hypo) Manien auslösen, ich will unterbewusst
stachelig wehrhaft bleiben (siehe meinen Nick, den ich heute nicht mehr wählen
würde). Dazu kam auch die heftige Lebensgier, der Tatendrang, PowerMax ....,
aber ausgeglichen ist viel, viel besser .. :)) Und das OHNE Chemie !

Frau Dr. Reddemann und ihr Team haben PITT ursprünglich entwickelt, um
traumatisierten, vergewaltigten Frauen kurzzeitig und effektiv helfen zu können.
Es enthält buddhistische Elemente, meiner Meinung nach noch viel mehr, was
mir die ausführende Oberärztin im Gespräch bestätigte, mir hat es unendlich
geholfen, es hilft immer noch, verändert mich und damit meine Umwelt. :)

Die Tresorübung hilft, Flashbacks weg zu schliessen, das innere Team steht
hinter und neben Dir, der Baum hilft beim Verwurzeln und an den sicheren Ort
kannst Du jederzeit flüchten, falls es unbedingt und wichtig sein sollte.

Ich möchte mich auf das Beispiel "Sicherer Ort" beschränken, das kann ich
vermutlich aktuell am Besten beschreiben:

Während diverser Entspannungsübungen (parallel PMR etc.), Traumreisen
etc. wurden wir aufgefordert, uns bildlich einen sicheren Ort vorzustellen,
einen Ort, an dem man nicht verletzt werden kann. Dieser Ort durfte durch-
aus der Phantasie entspringen, es konnte aber auch ein realer Ort sein.

Seltsamerweise war das bei mir eine stark verfallene Burgruine im Wiehen-
gebirge, ich war nur einmal ziemlich kurz dort, die beiden lütten Kids waren
noch im Kinderwagen und Buggy.
Allerdings stand diese Burgruine nicht in Norddeutschland, sie lag auf einer
Klippe über dem Meer, der Wald ging direkt von der Steilküste ans Meer,
vermutlich Sardinien, ich wüsste keinen anderen Ort. Es war angenehm
warm, die Vögel zwitscherten, rundherum Wohlbefinden. Der grosse,
mächtige Bergfried schützt mich, es kann mir nichts passieren. :)

Durch die Diskussionen der letzten Tage, hatte ich mich entschlossen,
nach über 20 Jahren meine "bildhafte Burgruine" zu besuchen, meine
Ehefrau war dabei. Also hab ich einen Picknickkorb gepackt, und wir
haben diesen Ort besucht, er ist immer noch relativ einsam, allerdings
durch Besitzer und einem Burgerhaltungsverein nicht verfallen.

Der mächtige, fast kubische Wohnburgturm von 12m Kantenlänge hat
jetzt im Inneren eine Standesamtaussenstelle ;-)) , der hölzerne Aufgang
ist mit Blüten übersäät, der Mülleimer unten voll mit Sektflaschen, Plastik-
gläsern.

Ich war auch ausserhalb der Burgmauern auf den gewaltigen Wällen, es
erschreckte mich fast, wie genau und detailliert mein eigenes PITT-Bild
war, wie genau sich Seele und Geist erinnern können, wenn auch mit
eigener Färbung.

Ich habe diesen Turm aus vielen Perspektiven fotografiert, anschliessend
an mehreren Stellen im Angesicht meditiert. Interessant, was dabei hoch
kam, unendlich lang vergessen, Kleinkinderinnerungen: Ich sah mich weg
laufen, verstecken, hinter schwere Möbel quetschen, um den brutalen
Schlägen zu entkommen.
BTW: Wir wurden bis in die 8te Klasse gezüchtigt, ab da wurde es verboten.
Mein Lehrervater alter Schule erlaubte seinen Kollegen, mich ganz besonders
hart anzufassen, das passierte uns Jungens auch.
Interessant in dem Zusammenhang ist die Tatsache, dass sich der Körper er-
innert, mensch spürt die gleichen (Phantom ?) Schmerzen auch nach Jahr-
zehnten noch. Ein Lehrer (ständig blau mit Fahne) liebte es, uns Jungens
die Finger unter die Schulterblätter zu treiben, bis wir auf dem Boden lagen
und um Gnade flehten, vor der versammelten, damals ziemlich neu gemischten
Klasse, sehr peinlich vor den Mädels, wir waren frisch in der Pubertät.
Die richtig harten Sachen kamen dann Jahre später, ich mag jetzt nicht drüber
schreiben.

So, ich hoffe, das war ok jetzt, kürzer konnte ich es kaum machen. Es ist mein
Wunsch, zu vermitteln, dass es ein Ausweg aus dem Shit gibt ! Allerdings geht
das nicht nur mit Medis allein, mensch muß sich schon kümmern, verarbeiten,
auch Jahrzehnte danach.

lgt
Thema Autor Klicks Datum/Zeit

PTBS etc.

tough 329 14. 07. 2017 18:18

Re: PTBS etc.

mad-usa 102 15. 07. 2017 09:30

Re: PTBS etc.

tschitta 100 15. 07. 2017 17:05

Re: PTBS etc.

tschitta 79 16. 07. 2017 09:29

Re: PTBS etc.

tough 80 17. 07. 2017 07:24



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