MAO-Hemmer - Erfahrungsbericht

13. 04. 2010 13:31
Hallo Forum,

seit ca. einem halben Jahr nehme ich gegen die Depressionen einen MAO-Hemmer, hier ein Erfahrungsbericht:

MAO-Hemmer sind eine Klasse von Antidepressiva, die durch den Abbau eines Enzyms indirekt einen höheren Neurotransmitter-Spiegel (Serotonin, Dopamin usw.) im Blut und im Gehirn bewirken. Ich verzichte an dieser Stelle auf weitere technischen Details, und verweise auf Wikipedia.

MAO-Hemmer sind das Antidepressivum der letzten Wahl, deshalb haben viele von euch vielleicht noch nichts davon gehört. Tatsächlich ist es aber eins der ältesten Antidepressiva, MAO-Hemmer wurden schon in den 70er-Jahren gegen Depression eingesetzt. Der Grund dafür warum sie so restriktiv eingesetzt werden, ist vermutlich daß sie eine extreme Nebenwirkung haben können, eine sogenannte hypertensive Krise. Das bedeutet der Patient kann ganz plötzlich einen extremen Bluthochdruck bekommen, der bis zur Gehirnblutung und Schlaganfall führen kann. Als man begonnen hat MAO-Hemmer einzusetzen gab es deswegen auch Todesfälle.

Nach kurzer Zeit hat man allerdings erkannt, daß hypertensive Krisen nur durch die Kombination mit bestimmten Lebensmitteln ausgelöst werden. Wenn man eine entsprechende Diät einhält, gibt es also keine Probleme. Das bedeutet, ich darf z.B. keinen Bananen, kein Alkohol und Schokolade und Käse nur in geringen Mengen zu mir nehmen. Das hört sich drastisch an, aber ich hab mich sehr schnell dran gewöhnt. Und um die Depression loszuwerden würde ich mich zur Not auch nur noch von Haferflocken ernähren.

Kurz zu meinen Depressionen: Ich bin Ultra-ultra-Rapid-Cycler (Bipolar II), d.h. ich switche im Durchschnitt einmal am Tag von Depression in Hypomanie oder in den Normalzustand bzw. umgekehrt. In den Depressionen habe ich eine totale innere Leere, Gefühlslosigkeit und völlige Erschöpfung. Die Besonderheit der MAO-Hemmer ist, daß sie vor allem antriebssteigernd wirken, deshalb hatte ich große Hoffnung darauf gesetzt. Meine Psychiaterin hat vor einem Jahr selbst MAO-Hemmer ins Spiel gebracht ist dann aber wieder zurückgerudert wegen Switchgefahr. Im Sommer 2009 haben wir dann noch mal über MAO-Hemmer gesprochen und ich hab vorgeschlagen, daß ich stationär eingeschlichen werde. So haben wir es dann gemacht.

Meine Ärztin meinte ich solle vorab klären ob das Krankenhaus bereit ist mitzuspielen, denn nicht jeder Arzt läßt sich von einer ambulanten Ärztin sagen, wie er seine Arbeit machen soll. Ich hab ein Vorgespräch arrangiert, aber da kam es dann gar nicht mehr zu. Ich bin irgendwie schon auf der Warteliste gewesen und ich bin dann auf einmal sehr schnell aufgenommen worden. Und tatsächlich hat die Ärztin im Krankenhaus sich erstmal quer gestellt. Ich hab sie dann ein paar mal genervt, damit sie meine Psychiaterin anruft und schließlich wurde sie auch überzeugt oder überredet und ich hab das AD dann nach einer Woche bekommen. Es ist die 'extremste' Variante, ein unspezifischer, irreversibler MAO-Hemmer, das Medikament heißt Jatrosom. Ich war dann noch zwei Wochen auf der Station, in der Zeit haben wir auf 20 mg hochdosiert. Da es keine Probleme gab haben wir ambulant bis auf 40 mg hochdosiert und dann noch mal zwei Wochen in der Klink auf die Höchstdosis auf 60 mg.

Zur Wirkung - mehrere Dinge haben sich verändert:

1. Das Rapid Cycling hat sich beschleunigt

Das ist eine gefürchtete Nebenwirkung von vielen ADs, ich empfinde es aber als angenehm. Normalerweise switche ich ein bis zwei mal am Tag oder aber auch mal 2 Tage gar nicht. Jetzt switche ich im Durchschnitt vier mal am Tag. Dadurch hab ich noch öfter depressiven Phasen, aber sie sind halt kürzer. Wenn eine Depression zwei Tage oder noch länger anhält ist das ein Alptraum, aber so kann ich es besser aushalten, weil ich weiß in ein paar Stunden ist es wieder vorbei.

2. Der Anteil der Depressionen hat sich etwas reduziert

Die Intensität der Depressionen hat sich nicht verändert, aber wenn ich mal die depressive Zeit auf eine Woche rechne, dann bin ich im Durchschnitt etwas weniger depressiv. Vorher vielleicht 60%, jetzt eher 40% einer Woche.

3. Es ist eine gewisse Regelmäßigkeit eingetreten

Ein großes Problem beim Ultra-ultra-Rapid-Cycling ist, ich kann kaum oder nicht vorhersehen wie es mir zu einem Zeitpunkt x gehen wird. Das bedeutet ich kann keine festen Termine abmachen, z.B. mit Freunden. Seitdem ich den MAO-Hemmer nehme, geht es mir morgens und vormittags meistens immer gut. Das heißt ich kann für vormittags Aktivitäten planen und wenn ich mal wieder völlig fertig bin, dann baut mich der Gedanke wieder auf, daß ich es am Ende des Tages geschafft habe und ich am nächsten Tag zumindest morgens wieder fit sein werde.

4. 'Direkte' antidepressive bzw. aufputschende Wirkung

Normalerweise nehme ich morgens 30 mg und mittags 30 mg. Im Selbstversuch hab ich dann mal die komplette Tages-Dosis auf einmal genommen. Das hat zur Folge, daß ich nach einer halben Stunde direkt aus der Depression rauskomme, die Wirkung hält dann vier bis fünf Stunden an. Tatsächlich werde ich sogar etwas hypomanisch. Allerdings vermute ich, daß es keine Hypomanie ist, sondern nur die gleichen Symptome - Jatrosom wirkt in geringem Maße wie Amphetamin (meine Hypomanien fühlen sich fast genauso an wie wenn ich auf Amphetamin bin). Es tritt allerdings sehr schnell ein Gewöhnungseffekt ein, so daß ich diese aufputschende Wirkung nicht jeden Tag nutzen kann. Ich bin noch am experimentieren, vermutlich kann ich es einmal alle 7 bis 10 Tage nehmen, ohne daß ein Gewöhnungseffekt eintritt. Das ist trotzdem ein großes Plus, denn so kann ich mich mit Freunden verabreden und mich ggf. mit dem Medikament fit machen, wenn es mir schlecht geht.

Inzwischen hab ich die Dosierung wieder reduziert auf 40 mg, da die 60 mg im Vergleich keinen Mehrwert brachten. Abschließend kann ich sagen: Es geht mir etwas besser - ich hab z.B. kaum noch Selbstmordgedanken - aber der erhoffte Durchbruch ist es auch nicht.
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MAO-Hemmer - Erfahrungsbericht

sidewinder 12440 13. 04. 2010 13:31

Re: MAO-Hemmer - Erfahrungsbericht

cellardoor 1954 13. 04. 2010 15:40

Re: MAO-Hemmer - Erfahrungsbericht

sidewinder 1361 14. 04. 2010 18:30

Re: MAO-Hemmer - Erfahrungsbericht

Friday 1577 13. 04. 2010 20:13

Re: MAO-Hemmer - Erfahrungsbericht

sidewinder 1720 14. 04. 2010 18:18



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