Kriegsenkel. Noch jemand? Erfahrungen? Austausch?

07. 01. 2017 19:46
In einem anderen Thread begann ich das Thema meiner Mutter und ihren narzisstischen Zügen. Nachdem ich nun schon einiges an Literatur über das Thema verschlungen habe, bin ich (danke auch Deborah für den Hinweis) beim Thema Kriegsenkel gelandet.

Auch hierzu werde ich noch Bücher verschlingen, einiges kann man dazu auch im Internet lesen, ich muss das alles noch sortieren.

Als Einstieg hab ich mir die drei Bücher von Sabine Bode bestellt. Über Kriegskinder, 50-Jahre-Kinder und Kriegsenkel. Vielleicht schick ich sie ja nach dem Lesen meiner Mutter. Ich glaube zwar nicht, dass sie sie lesen wird, aber wer weiss.

Als ich über Flucht und Vertreibung recherchiert habe, dachte ich auch nicht, dass mein Vater sich Bücher über die Vertriebenen in Leipzig ansehen will, die ich extra aus der regionalgeschichtlichen Abteilung der Stadtbibliothek geliehen hatte (er war auf der Flucht auch sechs Wochen in Leipzig) und dann riss er mir eins der Bücher aus den Händen und blätterte es aufgeregt durch bis er den Zeigefinger auf eine Seite haute und ausrief: "Da war's! Das war das Lager, in dem wir waren! Da haben wir angeschimmeltes Brot bekommen und verfaulten Kohl in einer Suppe aus Wasser. Aber draußen standen Leipziger und bettelten uns um das wenige, was wir bekamen, an. Wir haben das wenigstens einmal am Tag bekommen, die am Zaun standen hatten gar nix."

Ich weiss, dass das meinem Vater sehr gut getan hat, mir die Geschichte seiner Flucht zu erzählen.
Meine Mutter hat mir immer viel aus ihrer Kindheit erzählt, aber es fehlte ihr jemand, der sie geliebt hat. Mein Vater wurde von einer Art Ersatzmutter geliebt, die ihn auch adoptieren wollte, aber irgendetwas war dann dazwischen gekommen. Auf die ist meine Mutter neuerdings eifersüchtig, hab ich festgestellt.

"Auf Frau Schmidt lässt dein Vater ja nichts kommen", höhnte sie (was mich übelst erschreckte), "Frau Schmidt hat ihm ja alles beigebracht, er wäre ja gar nichts ohne Frau Schmidt..." So als ob sie selber ihn eigentlich erst zum Menschen gemacht hätte, gleichzeitig behandelt sie ihn wie ein unmündiges Kind. Sehr schräg. Sie neidet Frau Schmidt den Dank für etwas, was sie meint, eigentlich geleistet zu haben, wobei sie das genaue Gegenteil getan hat.

Wer immer diese Frau Schmidt war, ich bin ihr unendlich dankbar. Zwar war mein Vater jetzt auch nicht unbedingt der, der mich gegen die Tyrannei meiner Mutter verteidigt hätte, dafür hätte er sich erstmal selber dagegen stellen müssen (er flüchtete stattdessen in den Garten), aber er hat nie von mir erwartet, dass ich irgendwelche seiner Bedürfnisse zu erfüllen hätte. Seine Liebe ist sehr heimlich und verschlossen, sie wurde ja auch ausgiebig torpediert von meiner Mutter und ihren Schwestern und ihm als Schwäche ausgelegt, aber sie war und ist da, das weiss ich, deshalb konnte ich mich einige Jahre nach der Pubertät mühelos mit ihm versöhnen und heute auf Augenhöhe mit ihm sprechen oder schweigen.

Ich würde mich freuen, wenn ich hier Berichte von euch zu lesen bekäme, wie es bei euch so war, wie ihr zu eueren Eltern heute steht, ob ihr bestimmte Themen ansprechen könnt und ob ihr auch immer das Gefühl vermittelt bekommen habt, ihnen etwas schuldig zu sein.

Ich hab grade den Satz gelesen: Man ist seinen Eltern nichts schuldig, sie haben sich ein Baby gewünscht und bekommen, was sie wollten.

Ich kann mich erinnern, wie meine Tanten mir mal einreden wollten, ich solle doch das, was ich in den Ferien verdiene, meiner Mutter (nicht etwa meinen Eltern!) geben. Für alles, was sie für mich getan hätte. Ich war damals noch im Gymnasium. Eine Klassenkameradin arbeitete wie ich praktisch in allen Ferien im gleichen PLK wie ich und musste zu Hause tatsächlich Kostgeld abgeben! Telefonkosten musste sie sowieso bezahlen, Klamotten und Schulsachen natürlich auch und dann auch noch Kostgeld!!! Dabei war sie magersüchtig und aß nur Karotten.

Meine Mutter hätte das nie von mir verlangt. Aber: "gefreut hätte mich das schon". Wie sie auch erwartete, dass ich unaufgefordert im Haushalt helfe. Als ich mal sagte, sie solle mir halt zum Kuckuck einfach sagen, was ich machen soll, anstatt ewig zu erwarten, dass ich hellseherisch errate, was sie sich wünscht, bekam ich zur Antwort: Das sei wie Bitte sagen und betteln könne sie einfach nicht. Sie hat sich lieber halb tot geschuftet und mir ein schlechtes Gewissen gemacht. Wahrscheinlich hatte sie mehr von meinem schlechten Gewissen als von meiner Hilfe. Passt wahrscheinlich auch besser zu ihrer Opferrolle. Achja, natürlich, wenn ich mal irgendetwas in die Hand nahm, mal Wäsche zusammenlegte, um ihr eine Freude zu machen, ließ sie sich gleich anmerken, dass es ihr nicht gut genug war und ich ihr nur noch mehr Arbeit gemacht hätte.

Wenn sie mir mal Hausarbeit übertrug, kam das grundsätzlich als vorwurfsvoll gebellter Befehl. Nach dem Motto: das könnte längst erledigt sein, wenn du nicht so faul wärst, dass man dir das überhaupt sagen muss ist schon schlimm genug... sie konnte es nicht freundlich formulieren.
Das ist leider was, was ich an mir auch beobachte. Zum Glück nicht bei meinem Mann, haha, der würde mir gehörig aufs Dach steigen.
Aber bei der Arbeit. Bei Kollegen, die selber mitdenken tritt das Problem nicht auf, aber bei den Kollegen, die Anleitung brauchen, komme ich oft ziemlich barsch rüber. Wenn ich aber Anweisungen als Bitte formuliere, übertreibe ich es oft und komme mir selber total blöd vor. Weshalb die Anweisungen dann auch mal ignoriert werden und ich beim nächsten Mal zwar wieder ein "Bitte" einbringe, aber so exaltiert und pointiert, dass es sich wieder total scheisse, genervt und hart anhört.

Loben kann ich anscheinend nur Leute, die es nicht gewöhnt sind, gelobt zu werden. Da fällt es mir total leicht und es macht mir selber Freude. Das sind dann meistens auch die, die nach einem Lob, wie ich selber, erst recht über sich hinauswachsen. Dann gibt es aber die, die Lob erwarten (manche gieren auch danach), und da mach ich komplett zu. Wenn ich mich dann doch zu Lob durchringe, endet es meistens so, dass genau die Aufgabe, für die ich Lob verteilt habe, beim nächsten Mal total schlampig erledigt wird.

Aber vielleicht löst der Knoten sich ja demnächst.

Sumosimi

Taat du nee borom djogol, so djoge mu topola.
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Sumosimi 694 07. 01. 2017 19:46

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Deborah 207 08. 01. 2017 05:59

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Sumosimi 187 08. 01. 2017 12:20

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Ver-rückt 180 08. 01. 2017 18:21

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Sumosimi 170 08. 01. 2017 19:27

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zuma 182 08. 01. 2017 19:59

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Sumosimi 181 08. 01. 2017 16:58

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elias 172 08. 01. 2017 17:32

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Sumosimi 176 08. 01. 2017 19:15

@ Sumosimi

Deborah 196 09. 01. 2017 05:06

Re: @ Sumosimi

Sumosimi 166 09. 01. 2017 18:48

Re: @ Sumosimi

Deborah 169 11. 01. 2017 12:08

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Sumosimi 164 11. 01. 2017 19:01

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kirrumsl 185 08. 01. 2017 18:22

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Sumosimi 161 08. 01. 2017 19:08

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zuma 169 08. 01. 2017 19:22

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Sumosimi 181 08. 01. 2017 19:35

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kirrumsl 171 08. 01. 2017 19:47

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Sumosimi 172 08. 01. 2017 19:54

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kain 179 11. 01. 2017 23:14

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Bipolara 177 12. 01. 2017 11:50

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Sumosimi 163 16. 01. 2017 12:55

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kirrumsl 155 16. 01. 2017 21:23

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Sumosimi 154 17. 01. 2017 13:24

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kirrumsl 166 17. 01. 2017 14:38

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Sumosimi 167 18. 01. 2017 13:42

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kirrumsl 151 20. 01. 2017 13:21

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Sumosimi 144 20. 01. 2017 18:30

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kirrumsl 164 20. 01. 2017 19:00

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Sumosimi 147 22. 01. 2017 14:01

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Nicole70 151 27. 01. 2017 10:25

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Sumosimi 143 27. 01. 2017 13:26

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Nicole70 160 27. 01. 2017 14:28

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Sumosimi 123 01. 02. 2017 17:18

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Nicole70 126 01. 02. 2017 19:12

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Sumosimi 129 01. 02. 2017 20:02

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Nicole70 151 01. 02. 2017 21:32

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Sumosimi 118 02. 02. 2017 14:47

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Nicole70 119 02. 02. 2017 15:52

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Sumosimi 159 02. 02. 2017 19:14

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Nicole70 122 07. 02. 2017 08:19

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Sumosimi 170 07. 02. 2017 14:45



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